Verfasst von: Andreas Wiemers | 2. Mai 2009

Nicht bundesligatauglich!

Bereits auf dem Weg in das Ruhrstadion beschlich mich ein seltsames Gefühl in der Magengegend und es wollte sich bei mir keine Zuversicht einstellen, dass ein weiteres so genanntes „Sechs-Punkte-Spiel“ gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt gewonnen würde. Spätestens um 21:02 Uhr wusste ich dann auch, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte: Bereits nach 32. Minuten lag der VfL gegen Hannover 96 mit 0:2 zurück und dieses niederschmetternde Zwischen- markierte dann auch das Endergebnis.

VfL Bochum 1848 - Hannover 96 0:2

VfL Bochum 1848 - Hannover 96 0:2

Niederschmetternd war aber nicht nur die 0:2-Heimniederlage. Niederschmetternd und bisweilen nicht bundesligatauglich war das, was die Mannschaft auf dem Platz, der Trainer an der Seitenlinie und die Fans auf den Rängen während der 90 Minuten an den Tag brachten. Insbesondere in der 1. Halbzeit verweigerte nahezu die komplette Mannschaft am „Tag der Arbeit“ eben jene Arbeit und allenfalls Philipp Bönig und Marc Pfertzel erreichten an jenem lauen Maiabend noch Normalform. Die restliche Mannschaft war geistig und körperlich abwesend und trug offenbar einen mannschaftsinternen Wettbewerb in der Kategorie „Wer schafft die meisten Fehler in einer Halbzeit“ aus. Slawo Freier, Marcel Maltritz und Anthar Yahia schafften es in diesem Wettbewerb auf die Plätze und überboten sich gegenseitig in Abspiel- und Stellungsfehlern. Für Cheftrainer Marcell Koller stand der Sieger des Mannschaftswettbewerbs bereits nach 42. Minuten fest und er „belohnte“ Freiers Leistung mit der Auswechselung und gab Stürmer Vahid Hashemian die Möglichkeit zur Teilnahme am Bochumer „Fehler-Cup“. Für die anwesende Fangemeinde lies sich die Siegerfrage allerdings nicht so eindeutig klären wie für Koller. Insbesondere die Sitzplatz“ärsche“ in den Blöcken A und B quittierten Ballkontakte bzw. deren Versuche von Maltritz und Freier mit einem Pfeifkonzert, überzogen Freiers Auswechselung mit hämischen Gejaule und stimmten sich dann gesanglich auf unseren Mannschaftskapitän mit „Maltritz raus!“-Rufen ein. Wie auch die Elf auf dem Platz, stellte ein Großteil der Fangemeinde in der 1. Halbzeit eindeutig unter Beweis, dass sie nicht bundesligatauglich sind. Frustration über die eigene Mannschaft kann ich zu 100 Prozent nachvollziehen und mir rutschten angesichts der indiskutablen Leistung der Spieler auch manch Kommentare raus, die ich nur innerhalb der 90 Minuten zu verwenden pflege. Allerdings frage mich schon, wie bescheuert man eigentlich sein muss, wenn ein völlig verunsicherter Spieler in einem so wichtigen Spiel von der eigenen Kulisse niedermacht wird. Aber das Sündenbock-Prinzip hat offenbar in Bochum noch lange nicht ausgedient und so suchen sich die „Fans“ Saison für Saison einen neuen Spieler aus, den sie aus dem Kader pfeifen wollen. Vor nicht allzu langer Zeit hatte man in Bochums Fangemeinde erhebliche Zweifel daran, dass Zvjezdan Misimovic, der gerade drauf und dran ist den VfL Wolfsburg zur Meisterschaft zu führen, nicht ausreichend qualifiziert sei, um in der Bochumer Bundesliga-Mannschaft zu stehen. So viel dazu!

Der Destruktivität der Sitzplatz“ärsche“ versuchten dann die Bochumer Ultras etwas entgegen zusetzen und forderten die Ostkurve auf, die Mannschaft, für die man in der 2. Halbzeit anerkennend zumindest den Willen notieren muss, zu unterstützen. Was die Ultras dann aber als unterstützende Lieder anstimmten, fällt allerdings in das Genre „Einschlafmucke“ und so verfiel die Ostkurve alsbald in ein peinliches Schweigen. Die Zeiten, in denen minutenlang ein „VfL“ durchs Stadion hallte, scheinen offenbar vorbei zu sein und wurden von „Chalalalala-Gesängen“ (die angesichts eines 0:2-Rückstandes eigentlich völlig unangebracht sind) abgelöst.

Aber auch Trainer Koller hatte ebenso wie Mannschaft und Fans wiederholt keinen wirklich guten Tag erwischt. Warum er Freier drei Minuten vor der Halbzeitpause vom Platz genommen hat, erklärt sich mir beim besten Willen nicht. Allenfalls als Kniefall vor dem pöbelnden Mob und als ein weiterer Beitrag zur völligen Demontage Freiers kann diese Maßnahme eingestuft werden. Da haben Koller und Fangemeinde dann doch mal Hand in Hand agiert. Wieso er mit Hashemian einen Strafraumstürmer einwechselt, der auf Flanken angewiesen ist, während er gleichzeitig durch die Herausnahme Freiers Pfertzel auf der rechten Seite mit noch mehr Defensivaufgaben belastet und nicht taktisch umstellt, so dass Pfertzel den Hubschrauber mit Flanken füttern kann, ist für mich ebenso wenig nachvollziehbar wie die Tatsache, dass er erst in der 87. Minute beim Stand von 0:2 mit Sinan Kaloglu einen weiteren Stürmer einwechselt. Auch die Tatsache, dass es Co-Trainer Funny Heinemann war, der kurz vor Wiederanpfiff die Spieler um sich versammelte und gestenreich zu motivieren versuchte, spricht nicht wirklich für Bochums Übungsleiter, der im Grunde auch nicht das eigene Unvermögen für die Niederlage verantwortlich machte, sondern auf typisch Bochumer Art in 96-Schlussmann Robert Enke, der fünf Bochumer Chancen zu Nichte machte, seinen Sündenbock für die Niederlage bzw. den nicht erzielten Anschlusstreffer fand.

Angesichts der Niederlage, des verbleibenden Restprogramms mit drei Auswärtsspielen und nur noch einem Heimspiel ist die blau-weiße Luft im Abstiegskampf deutlich dünner geworden. Dummerweise punkten nun auch die Mannschaften, die (noch) hinter dem VfL stehen. Und mit der Verletzungsmisere beim VfL bestehen derzeit wenig Handlungsoptionen, dass Bochumer Spiel durch personelle Veränderungen wieder zu beleben. So kann man nun nur noch hoffen, dass sich die Mannschaft in den kommenden beiden Auswärtsspielen in Berlin und in Hamburg den Arsch aufreißt und in der Fremde, ohne die geballte „Macht“ des heimischen „Supports“, über den Kampf die für den Klassenerhalt notwendigen Punkte holt. Denn auf ein Zitterspiel in Köln am letzten Spieltag, wo man sein Nervenkostüm noch nicht mal mit ordentlichem Pils beruhigen kann, sondern ein Getränk namens Kölsch serveriert bekommt, das fälschlichweise in die Kategorie „Bier“ fällt, habe ich kein Bock.

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