Verfasst von: Andreas Wiemers | 10. August 2009

Freier im Kopf – Bochumer Wahnsinn als Daily-Soap

„Der echte Fan muss leiden. Und meine Mannschaft, der VfL Bochum, sagt sich immer wieder: Wir geben den Leuten, was sie brauchen!“

formulierte Bochums spitze Feder Frank Goosen sicherlich zutreffend, aber was der VfL Bochum 1848 mir beim Bundesliga-Auftakt zu Hause gegen die Elf vom Niederrhein an Leiden mit auf dem Weg gab, war eindeutig zu viel des Guten. Die Freunde auf eine weitere Saison mit Bundesliga-Fußball in Bochum hielt keine 19 Minuten an. Denn da erzielte Borussia Mönchengladbach die 1:0 Führung. Als es dann nach 26 Minuten bereits 0:2 und nach 41 Minuten 0:3 stand, war ich restlos bedient, verfluchte den Erwerb meiner Dauerkarte und wurde dem Image der Bochumer Fans bestens gerecht: zu diesem Zeitpunkt gehörte ich mit Sicherheit zu den schlecht gelauntesten Fans der Liga.

In gewohnter Weise präsentierte sich Bochums Defensive als Hühnerhaufen, deren Hahn in Person des Kapitains Marcel Maltritz ebenso plan- und ziellos gegen die deutlich spritziger wirkenden Gladbacher umherirrte, wie sein Innenverteidigerkollege Anthar Yahia. Wahrscheinlich um Yahia und Maltritz nicht alleine dem Zorn des Bochumer Anhangs auszuliefern, erklärten sich die weiteren neun blau-weißen Halbgötter solidarisch mit ihren Innenverteidigern und schlossen sich der Arbeitsverweigerung an. So schauten 11 Bochumer mehr oder minder interessiert zu, wie Gladbach den Ball laufen lies und den VfL im eigenen Stadion bisweilen vorführte. In die Zweikämpfe ging man erst gar nicht, weil die Gladbacher eh immer einen Schritt schneller waren und dieser Gladbacher Spritzigkeit war es dann wohl auch geschuldet, dass der VfL dummerweise lieber den Raum als den Gegner deckte. Resultat war ein 0:3 zur Halbzeit und ein gellendes Pfeifkonzert, das die Bochumer Jungen in die Pause begleitete.

Für die meisten anwesenden Fans völlig überraschend kam dann der Personalwechsel, den VfL-Trainer Marcel Koller bereits (!) zur 46. Spielminute vornahm. Völlig zu recht lies er den völlig überforderten Christoph Dabrowski in der Kabine und brachte stattdessen Slawo Freier. Und wer hätte es gedacht: mit Freier kam die Wende. Bevor der Wahnsinn seinen Lauf nahm, musste unsere Nummer 1 mit der Rückennummer 18 Philipp Heerwagen allerdings noch mit einer glänzenden Reaktion das 0:4 verhindern. Und dann kam der große Auftritt des Mimoun Azaouagh. Nach Vorarbeit von Stanislaw Sestak kickte Aza in der 51. Minute das Spielgerät gefühlvoll in den Gladbacher Winkel. Nur wenige Sekunden später bzw. binnen einer Minute, dem ganzen noch skeptisch gegenüber stehend, fragte ich mich, warum es nun auch im Stadion Wiederholungen gibt: Sestak legte auf Aza ab, der wiederum den Ball zum zweiten Mal in den Gladbacher Winkel zum 2:3-Anschlusstreffer schlenzte. Im wahrsten Sinne des Wortes: Zwei Sonntags-Schüsse! Meinen Augen nicht wirklich trauend, durfte ich dann sogar noch den Ausgleichtreffer von Sestak himself in der 63. Spielminute registrieren. Binnen 12 Minuten brachte der VfL mein Gefühlsleben mal wieder völlig durcheinander und völlig hilflos fragte ich mich, ob ich nun jubeln oder jedem Bochumer, verbunden mit der Frage „WARUM SPIELT IHR NICHT IMMER SO?“, einen heftigen Tritt in den Arsch verpassen soll.

Es ist zum Verzweifeln, dass der VfL seinem Anhang immer zwei völlig verschiedene Halbzeiten präsentiert. Aber vielleicht braucht diese Mannschaft auch einfach Rückschläge und Aussichtslosigkeit, um ihr Potential frei von taktischen Zwängen und Vorgaben abrufen zu können. Denn gestern war der VfL noch dem hoffnungslosen 0:3-Rückstand freier im Kopf und präsentierte sich so, wie es die Fans erwarten: kämpferisch auf dem Weg nach vorne. Und dies scheint auch angesichts der eklatanten Abwehrschwäche der beste Weg zu sein, um sich dem Kampf um den Klassenerhalt zu stellen. Denn eines ist nach dem gestrigen Wahnsinn so sicher wie das Amen in der Kirche: aus einer sicheren Abwehr heraus kann und wird der VfL nie spielen können. Scheiß auf die kontrollierte Offensive: Wir wollen Euch kämpfen sehen!

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Responses

  1. […] dem 3:3 im ersten Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach war die große Frage unter der VfL-Anhängerschaft, welche Halbzeit als Maßstab für die […]


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