Verfasst von: Andreas Wiemers | 16. September 2009

“Sie verstehen uns nicht, da muss ich sie auch nicht verstehen”

In der „Woche der Wahrheit“ mit den wichtigen Heimspielen gegen den FSV Mainz 05 und im DFB-Pokal gegen die zahnlosen Monster aus Ückendorf sowie vorm Auswärtsspiel in Nürnberg ist der VfL Bochum 1848 zwar noch nicht am Tabellentiefpunkt angekommen, gleichwohl aber sportlich und stimmungstechnisch. Nach enttäuschenden Auftritten in den jüngsten Meisterschaftsspielen hat der VfL bereits nach fünf Spieltagen nicht nur alle Hoffnungen auf eine bessere Saison als 2008/09 brutalstmöglich vernichtet, sondern den Keil zwischen Mannschaft und Fans tiefer getrieben haben.

So kommt es auch nicht von ungefähr, dass sich vier Tage vor dem wegweisenden Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 viele Fans an den 30. April 2005 erinnern. Auch an diesem Tag gastierten die Mainzer Jecken in Bochum. Mit einem Sieg hätte der VfL die Weichen für ein weiteres Jahr Erstklassigkeit stellen können, doch es kam anders: mit 2:6 deklassierte die wackeren Mainzer die blau-weißen Halbgötter, die daraufhin wenige Spieltage später wiederholt den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit vor sich hatten.

Allen voran die sportliche Leistung in den vergangenen Wochen stimmt wenig zuversichtlich, dass sich Geschichte am Samstag nicht wiederholt. Sicherlich hätte der VfL anno 2009 mehr Spieltage zur Verfügung, um eine Niederlage auszumerzen, nichtsdestotrotz steht am Samstag eine klare Richtungsentscheidung über den künftigen sportlichen Weg an.

(c) scudetto

(c) scudetto

Schade, dass der VfL bis dato nicht die richtigen Konsequenzen aus der verkorksten letzten Saison, die mit einem mehr als glücklichen Klassenerhalt belohnt wurde, und den ersten fünf Spieltagen dieser Saison gezogen und einen Cheftrainerwechsel vollzogen hat. Zweifellos hat Marcel Koller in den letzten vier Jahren relativ erfolgreiche Arbeit in Bochum geleistet, doch offenbaren die letzten Auftritte des VfL, dass Koller inzwischen die Mannschaft weder vernünftig einstellen kann, noch die richtigen personellen Entscheidungen für die Startformation trifft. Stattdessen hält er bisweilen krampfhaft an System und Personal fest, das inzwischen mehr als einmal versagt hat. Apropos Personal: Die beiden einzigen Neuzugänge des VfL in der Saison 2009/10 wussten bis dato nur punktuell zu überzeugen und es stellt sich schon die Frage, warum vor dem Hintergrund der vergangenen Saison und dem ungenügenden Qualitäten im Spielaufbau lediglich zwei Positionen personell verstärkt wurden und warum diese beiden Neueinkäufe erst einmal auf der Bank versauern? Sind Koller (und Ernst) dann doch nicht von dem überzeugt, was sie sich „geleistet“ haben?

Bereits zur Mitte der vergangenen Saison war Kollers Kredit bei den Fans völlig aufgebraucht. Doch weder Sportvorstand noch Aufsichtsrat entschlossen sich zum Handeln. Als die Stimmung im Stadion immer negativer wurde und der Cheftrainer zu einer Belastung des Verhältnisses zwischen Mannschaft und Fans wurde, entschloss sich der Sportvorstand dann doch zum Handeln. Auf eine Protestaktion reagierte Thomas Ernst gegenüber den Medienvertretern wie folgt:

„Die Protestaktion der Fans muss ich nicht nachvollziehen können: Sie verstehen uns nicht, da muss ich sie auch nicht verstehen.”

Dass dieser Beitrag die Stimmung nicht nachträglich verbesserte, liegt auf der Hand. Hoffnung keimte auf, als Ernst eine schonungslose Analyse der zurückliegenden Saison einforderte und zeitgleich Gerüchte auftauchten, Koller stünde vor einem Wechsel in die Schweiz. Doch sowohl die schonungslose Analyse als auch Gerüchte erwiesen sich leider als Enten. Selbst die doch relativ guten Testspielergebnisse in der Vorbereitung für die Saison 2009/10 konnten keinen Stimmungswechsel herbeiführen. Nun, nach fünf Spieltagen ist der VfL auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden und Koller steht mehr denn je zuvor in der Kritik und es mehren sich die berechtigten und stetig lauter werdenden Stimmen, die einen sofortigen Trainerwechsel fordern. Auch wirklich interessante Personalvorschläge stehen bereits im Raum.

(c) ruhrpoet

(c) ruhrpoet

Allerdings lassen die bisherigen Erfahrungen mit dem VfL leider wenig Hoffnung auf personelle Konsequenzen zu. Im Gegenteil: unter anderem durch die Verletzung unser Nummer 1, Philipp Heerwagen, haben Trainer und Sportvorstand eine weitere, gerne genutzte Ausrede zur Hand: die Verletzungsmisere! Und wer glaubt bzw. hofft, der VfL würde in einer Zeit, wo der VfL drei Spiele in sechs Tagen absolviert, den Trainer austauschen, muss wohl zu tief ins Fiege-Fass geschaut haben. Es bleibt also nur der Samstag und der Dienstag, um seinen Unmut über die aktuelle Vereinspolitik zum Ausdruck zu bringen und den Verein zum Handeln zu zwingen – so lange bis sie uns verstehen! Wobei klar sein dürfte, dass jeweils in den 90 Minuten die Mannschaft bedingungslos unterstützt wird und einzelne Spieler nicht als Sündenböcke herausgepickt werden.

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