Verfasst von: Andreas Wiemers | 23. September 2009

Hurra, wir leben noch (als Mückenstich in der Bundesliga)!

Wenn man binnen 37 Tagen zwei Mal eine 0:3-Klatsche gegen den benachbarten Reichsrekordmeister aus einem Gelsenkirchener Stadtteil erhält, wird die Leidensfähigkeit eines VfL-Fans massivst geprüft. Nachdem man bereits im grauen Ligaalltag in der Gelsenkirchener Turnhalle mit 3:0 unterging, bestand in der zweiten Runde des DFB-Pokals im heimischen Stadion an der Castroper Straße kurzfristig die Chance zur Wiedergutmachung. Wiedergutmachung wäre auch angebracht gewesen: hatte man sich nicht nur sportlich „auf Schalke“ blamiert, machte man sich dort auch mit gänzlich hässlichen Trikots nicht nur zum Gespött der Liga, sondern auch zum Gespött der Medien sowie von Freunden und Bekannten. Wiedergutmachung stand aber auch nach der jüngsten Heimpleite gegen den FSV Mainz 05, die zu intensiven Fanprotesten führte, auf der Tagesordnung.

Wird die Entlassung des ehemaligen Bochumer Übungsleiters Marcel Koller in diesen Kontext gesetzt, hat zumindest die Vereinsführung erste Schritte zur Wiedergutmachung eingeleitet. Am Sonntag wurde das „System Koller“ zumindest personell geschröpft, ob die offensichtliche Interimslösung mit Frank Heinemann und Dariusz Wosz allerdings auch das „System Koller“ vom Rasen und aus den Köpfen der Spieler kriegen konnte, wurde bis zum Anpfiff erhofft. Blieben doch Funny und der Zaubermaus gerade einmal 48 Stunden Zeit, um die Mannschaft nach der berechtigten Fanschelte und den bis dato gelinde gesagt emotionslosen und fußballerisch armen Auftritten der letzten Wochen auf das Derby gegen die Zahnlosen vorzubereiten.

Als zweiter Akt der Wiedergutmachungsstrategie muss der Wechsel der Trainerbank betrachtet werden. Um mehr Nähe zu den Fans zu symbolisieren, wurde kurzerhand die Trainerbank gewechselt. Auch personell zogen Heinemann und Wosz Konsequenzen und platzierten für den allzu oft enttäuschenden Daniel Fernandes Andreas Luthe zwischen den Pfosten des Bochumer Tores und für den Verletzten Mimoun Azaouagh spielte mal wieder U21-Nationalspieler Dennis Grote von Anfang an. Ansonsten beließen es die beiden Interimstrainer bei den üblichen Verdächtigen in der Startelf. Sicherlich kann man dies kritisieren, muss andererseits aber auch feststellen, dass sich in den letzten Wochen im Grunde niemand außer vielleicht Andreas Johansson für die erste Elf aufgedrängt hat. Auch kann man sicherlich und vielleicht auch nicht gänzlich zu Unrecht einen Wechsel des Spielsystems fordern. Doch muss dabei auch die Frage beantwortet werden, wie eine solche Änderung des Systems in zwei Trainingseinheiten hätte einstudiert werden können und sollen. Insofern mussten Heinemann und Wosz aus den Gegebenheiten das Beste rausholen und betrachtet man zumindest die Einstellung und das Engagement der Mannschaft muss man festhalten, dass ihnen dies auch gelungen ist.

Doch weder spielerisch noch taktisch konnte der VfL Bochum 1848 gegen Magaths Knappen mithalten und Kampf allein reicht gegen einen deutlich überlegenen Gegner einfach nicht aus. Dies gilt umso mehr, wenn man Offensiv so harmlos ist wie ein Mückenstich: es nervt das vermeintliche Opfer vielleicht ein bißchen, aber Gefahr strahlt es nicht aus – so wie auch die Bochumer Offensivbestrebungen. Wenn man dann auch noch in der Abwehr nicht sattelfest ist, gewinnt man halt auch keine Spiele!

Apropos Felix Magath: Zu was ein Trainer in der Lage sein kann, offenbart Magath mit seiner Arbeit bei den Nachbarn. Offensichtlich kann er wirklich aus Scheiße Gold machen. Und so was könnten wir in Bochum mit Blick auf die personellen Möglichkeiten derzeit auch sehr gut gebrauchen. Rächen tut sich derweil die Einkaufspolitik der vergangenen Monate. Dringend muss ein weiterer bzw. endlich ein Mittelstürmer sowie ein Spielgestalter eingekauft werden. Und nach gestern habe ich dann auch verinnerlicht, wie wichtig doch tatsächlich Azaouagh für die Mannschaft ist. Auch wenn er mit seinem Ich-renne-jetzt-in-drei-Mann-Prinzip mir oftmals die letzten Nerven raubt, habe ich ihn gestern tatsächlich vermisst. Denn im Gegensatz zu Joel Epallé, dessen technischen und taktischen Unzulänglichkeiten einfach nicht mehr zu kompensieren sind, bringt er bisweilen zumindest einen Mehrwert für den VfL mit sich.

Wenn man etwas Positives aus der gestrigen Schlappe ziehen will, ist zumindest das Fazit „Wir leben noch!“ erlaubt. Denn aufm Platz hat die Mannschaft zumindest gezeigt, dass sie gewillt ist – es aber derzeit (noch) nicht kann. Und wenn zumindest die Schalker ergebnistechnisch nicht vermöbelt wurden, haben sie wenigstens ordentlich einen auf die Socken bekommen. Wobei man an dieser Stelle sagen muss: so lange die Schalker noch ausreichend Geld für die Schiedsrichter haben, kann es ihnen finanziell nicht so schlecht gehen! Auch die Fans haben nach der einhelligen Medienschelte gestern bewiesen, dass sie hinter der Mannschaft, hinter ihrem VfL stehen. Zumindest bis zum zwischenzeitlichen 0:2 habe ich einen Support erlebt, den ich in dieser Form und dieser Lautstärke zumindest schon länger nicht mehr wahrgenommen habe. Aber eines, liebe Ultras, muss bei aller Abneigung gegen den FC Sch**** 04 wirklich nicht sein: die Beschimpfung einzelner Spieler als „Zigeuner“.

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