Verfasst von: Andreas Wiemers | 2. November 2009

L’équipe est mort, vive l’équipe!

Mit der so genannten Heroldsformel wurde im monarchischen Frankreich stets der Tod des alten Königs bekanntgegeben und zeitgleich der neue König ausgerufen. Ein neuer König ist beim VfL Bochum 1848 sicherlich noch Lange nicht in Sicht. Doch erfüllte diese Formel nicht nur den Zweck der Proklamation. Sie war auch ein Zeichen der Kontinuität. Diese Kontinuität hat der VfL Bochum bei seiner gestrigen 2:1 Niederlage in Frankfurt einmal mehr an den Tag gelegt und den Einstand des neuen VfL-Cheftrainers Heiko Herrlich ordentlich versaut. Neben dem ernüchternden Ergebnis sprechen auch die nackten Analysen für sich: gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt kam der VfL lediglich auf 31,8 Prozent Ballbesitz (die niederschmetternden 16 Prozent zwischen der 6. und 15. Spielminute seien nur am Rande erwähnt) und armselige fünf Torschüsschen (davon den ersten in der 70. Minute).

Wer dachte, die Verpflichtung von Herrlich am vergangenen Dienstag würde der Mannschaft Flügel verleihen oder zumindest dafür Sorge tragen, dass sich die Spieler im ersten Pflichtspiel unter Herrlich den Arsch aufreißen, um sich für weitere Aufgaben zu empfehlen, sah sich nach dem charakterlosen Auftritt bei der Frankfurter Eintracht eines besseren belehrt. Selbst bisherige Leistungsträger wie Philipp Heerwagen ließen sich von dem mutlosen Auftritt einlullen und zu Fehlern animieren. Doch im Gegensatz zu seinen zehn „Freunden“ auf dem Platz, ist Heerwagen zu Selbstkritik in der Lage („Einer, der in der Bundesliga spielt, muss den halten“) und versucht sich nicht im kollektiven Versagen zu verstecken. Diesen Weg beschreiten wiederum die restlichen zehn blau-weißen Halbgötter Versager. Anstatt sich endlich einmal selbstkritisch zu hinterfragen, wieso man keinen Ball vernünftig annehmen und einen sicheren Paß über fünf Meter spielen kann, flüchtet man in das kollektive „Wir-Gefühl“ des Scheiterns. Wobei diese Strategie ja durchaus aus persönlicher Sicht nachvollziehbar ist. Denn so kann man geschickt die Frage nach der eigenen Daseinsberechtigung in der Startformation umgehen. Und diese Frage ist nicht nur nach dem gestrigen Spiel mindestens bei Christoph Dabrowski, Marcel Maltritz und Joel Epallé angebracht. Zweifellos haben sie bisweilen in der Vergangenheit ihre Leistungen gebracht, aber aktuell muss man konstatieren, dass sie sich zumindest in einer Schaffenskrise befinden und mit ihren individuellen Fehlern dem Spiel des VfL – positiv formuliert – im Wege stehen bzw. es zusätzlich erschweren.

Sicherlich kann man von Heiko Herrlich nach vier Trainingstagen keine Wunder erwarten. Das tut vermutlich auch niemand. Allenfalls kann man seine Aufstellung ein wenig kritisch hinterfragen und sich wundern, warum der sich seit einigen Wochen stetig steigernde Slawo Freier auf der Bank Platz nehmen musste und dafür Epallé wieder in die Startelf rutschte, wieso ein Dennis Grote die gefühlte 999. erneute Bewährungschance kommt etc.? Dass der Spielaufbau des VfL ein Griff ins Klo ist, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Gleichwohl kommt dabei die Frage auf, wieso man es vor diesem Hintergrund mit zwei „Konterstürmern“ versucht und den bis dato „erfolgreichstem“ VfL-Stürmer Diego Klimowicz den Platz auf der Bank zuweist?

Dieser Katalog könnte endlos fortgeführt werden. Doch liegt es ein wenig auf der Hand, dass Herrlich nach vier Tagen die Mannschaft nicht personell umkrempelt. Allerdings sollte der gestrige Auftritt Herrlich dazu motivieren, am Samstag im heimischen Ruhrstadion gegen den SC Freiburg eine personell stark veränderte Mannschaft ins Rennen zu schicken. Dass der derzeitige Leistungsstand des Kaders (und auch einige Spieler) nicht wettbewerbsfähig sind, ist inzwischen bekannt. Doch bleibt die Hoffnung, dass sich noch Spieler finden lassen, die sich für den VfL den Arsch aufreißen und für den Klassenerhalt malochen anstatt sich verstecken. Klar ist aber auch, dass es in der Winterpause Neuverpflichtungen und Verkäufe geben muss, will man in der nächsten Saison nicht gegen Augsburg, Paderborn und Cottbus spielen.

Und um den roten Faden der Kontinuität wiederzufinden: Dank des beherzten Einsatzes von Shinji Ono, der sich binnen 60 Sekunden die gelb-rote Karte verdient hat und die Frage in dem Raum wirft, zu wie viel Dummheit man in 90 Minuten in der Lage ist, WENN man ein blau-weißes Trikot trägt, hat der VfL die Spitzenposition in der Fairplay-Tabelle als Letzter zurückerobert. Somit befinden wir uns nicht nur leistungsmäßig und punktetechnisch exakt auf Vorjahresniveau, sondern auch beim Sammeln von gelben und roten Karten. Lediglich Tabellenstand und Tordifferenz sind dann doch noch schlechter als in der vergangenen Saison nach dem 11. Spieltag. Chapeau!

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