Verfasst von: Andreas Wiemers | 7. Februar 2010

Der LagerKoller ist weg, jetzt wird es Herrlich!

Mit Schimpf und Schande wurde der vermeintlich undankbare Bochumer Anhang von den selbst ernannten Fußballexperten überhäuft, als dieser die Endlassung des damaligen Cheftrainers Marcel Koller forderte – und selbige auch bekam. Der „Mob“ wisse einfach nicht zu schätzen, wie oft Koller bereits mit dem VfL Bochum 1848 die Klasse gehalten habe und jeder Anspruch, in Bochum attraktiven Fußball und leidenschaftlich kämpfende blau-weiße Halbgötter sehen zu wollen, müsse dringend auf der Couch eines Psychologen therapiert werden. Wer den Klassenerhalt will, müsse sich offenkundig mit mutlosen Beamtenfußball à la Koller rumschlagen.

Dumm nur, dass mit der Verpflichtung von Heiko Herrlich und seinem Co-Trainer Iraklis Metaxas und der damit verbundenen Leistungs- und Punkteexplosion dem vermeintlich ahnungslosen blau-weißen Anhang im Nachhinein Recht gegeben wird. Eigentlich müsste sich nun die Expertenriege der Funk-, Film- und Printmedien bei den Damen und Herren der Ostkurve entschuldigen – aber die „was juckt mich mein Geschwätz von gestern“-Krankheit ist gerade bei dieser Spezies intensiv voran geschritten. Und so nimmt man leicht verwundert zur Kenntnis, wie plötzlich der VfL mit Heiko Herrlich von der Financial Times über die Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis hin zu Deutsche Welle TV als sympathischer und wieder auf den Pfad der Tugend zurück gekehrter Club dargestellt wird. Bis dahin hatte man unter Koller eher den Eindruck, der VfL sei für die deutsche Medienlandschaft eher eine Warze am Arsch Allerwertesten der Bundesliga.

Nach dem der VfL mit dem 1:1 gegen die Leverkusener Trabentenstadt nun binnen vierzehn Tagen sowohl gegen den Tabellendritten aus Buer sowie jüngst gegen den Spitzenreiter Punkten konnte, dürfte das Interesse am VfL und am System Herrlich zumindest im Blätterwald nicht abklingen. Gegen eine kompakt agierende und von Herrlich glänzend eingestellte Bochumer Mannschaft fiel dem Tabellenführer vom Rhein wenig bis gar nichts kreatives ein und so bedurfte es der tatkräftigen Hilfe eines Bochumers, namentlich Joel Epallé, der mit einem haarsträubenden Fehler das 1:0 durch Derdiyok in der 45. Minute einleitete. Herrlich kannte dankenswerterweise wenig Mitleid mit dem Fehlerteufel und ersetzte Epallé zur zweiten Halbzeit durch Zlatko Dedic. Und dies erwies sich als Glücksgriff! Denn es war Dedic, der in der 69. Minute nach einem Zusammenspiel zwischen dem wiederholt überragenden Milos Maric und der Gelsenkirchener Leihgabe Lewis Holtby, der einen viel versprechenden ersten Auftritt auf dem heiligen Rasen des Ruhrstadions hatte, den Adler überwand und zum Ausgleich und Endstand traf.

Zum wiederholten Male konnte der VfL nun also einen Rückstand weg machen und es spricht für die Arbeit von Herrlich, dass die Mannschaft nicht den Glauben an sich und an den Punktgewinn verliert. Zudem scheint sie körperlich deutlich fitter als unter vorherigen Trainern zu sein, so dass sie auch noch in der 80. Minute mit Kampf und Leidenschaft einen spielerisch überlegenden Gegner auf Distanz halten kann. So macht es einfach wieder Spaß dieser Mannschaft zuzusehen, mit ihr mitzufiebern und sie lautstark von der Tribüne aus anzufeuern. Längst vergessene Emotionen, die seit dem 27. Oktober 2009 immer intensiver wieder zum Vorschein kommen. Es wird vielleicht wieder herrlich anne Castroper – und vielleicht wird irgendwann das aktuelle Sportstudio in seinen Zusammenfassungen auch dem VfL mal wieder mehr als 30 Sekunden Aufmerksamkeit widmen.

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Responses

  1. Glückwunsch, sehr guter Kommentar! Vor allem Christoph Biermann hatte mich damals enttäuscht, der als bekennender Bochumer im Spiegel die Fans an den Pranger stellte. Von dem kaufe ich kein Buch mehr.

  2. Hallo Andreas,

    trotz aller Freude über den jüngsten Aufschwung , halte ich eine etwas differenziertere Sicht auf die Dinge für hilfreich. Es ist zweifelsohne eine sehr respektable Leistung, dass Marcel Koller den VfL über drei Spielzeiten in der Bundesliga gehalten hat. Angesichts des wirtschaftlichen Gefälles in der Liga, ist mittlerweile ein einstelliger Tabellenplatz für Mannschaften mit unseren Möglichkeiten kaum noch zu erreichen. Auch aktuell kann es – bis auf Weiteres – ausschließlich um das Halten der Klasse gehen. Als Person war mir der sachliche und freundliche Koller, der sich angenehm von Peter Neururer abhob, immer sehr sympathisch. Als Trainer muss er sich andererseits die spielerische Stagnation zurechnen lassen. Rückblickend hätte sich der Verein nach Ende der Saison 2008/2009 vom Schweizer trennen sollen.

    Die Art und Weise wie so genannte „Fans“ jedoch im Schutze der Anonymität des Netzes/der Kurve seinerzeit den Kopf des Trainers gefordert haben, war hingegen vollkommen respektlos und inakzeptabel. Da drehte sich einem der Magen um, aber Anstand und „faire“ Kritik sind wohl mittlerweile aus der Mode. Ähnliches gilt für die einseitig disktuierte Zdebel-Affäre und die alles andere als ausgewogene Kritik an Gustl. Die Frage „Wie gehen wir mit Mannschaft/Trainer/Vereinsführung um, wenn es beim VfL nicht läuft?“ muss letztlich jeder für sich beantworten.

    Derzeit – und soweit teile ich Deine Meinung – habe auch ich das angenehme Gefühl, dass beim VfL etwas „entsteht“. Die Mannschaft agiert sehr kompakt und ist schwer zu schlagen. Mit Herrlich, Holtby und Maric hat zudem der viel geschmähte Gustl anscheinend drei Volltreffer gelandet. Trotzdem muss man anmerken, dass der VfL kaum Torchancen hat und in der Offensive kaum stattfindet. Nehmen wir nur mal das Spiel in Berlin oder die ersten 80 Minuten des Schalke-Spieles. Unter Koller hätte es nach diesen Partien einen Aufschrei gegeben und alle hätten sich über „langweiligen Angsthasenfußball“ beschwert.

    Herrlich hat also noch viel Arbeit vor sich, wenngleich die Aussichten – fast schon verdächtig – positiv sind. Es wird allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis unser schönes Stadion auch gegen Mannschaften wie Leverkusen gut gefüllt ist und auch das Sportstudio uns erhöhte Aufmerksamkeit schenkt. Ganz kurzfristig brauchen wir endlich mal wieder einen Heimsieg, um den Abstand auf Platz 16 zu vergrößern.

    Beste Grüße
    Luis
    1848 Einwürfe
    http://www.derwesten.de/blogs/einwuerfe

  3. Hallo Luis,

    zweifellos hat Marcel Koller eine Zeit lang gute Arbeit geleistet. Alleine das harmonische Zusammenspiel zwischen Zwetschge und Gekas war eine Augenweide. Er wirkte aber irgendwann ideenlos und insofern teile ich Deine Einschätzung, dass man sich 08/09 besser hätte trennen sollen. Was ich Koller aber gerade in den letzten 1 1/2 Jahren vorwerfe, ist die völlig unattraktive Spielweise, die man geboten bekommen hat – was sich m.E. auch in den schlechten Zuschauerzahlen immer noch wiederspiegelt. Sicherlich ist nun auch noch nicht alles Gold was glänzt, aber immerhin spürt man wieder Aggressivität, sieht deutlich mehr Laufbereitschaft (auch wenn immer noch Anspielstationen fehlen) und es gelingen hin und wieder wirklich schöne Spielzüge (s. 2:2 gegen S04, 1:1 gegen Bayer).

    Was jedoch bisweilen in den Foren mit Koller und Ernst abgezogen wurde, hat mir auch nicht gefallen. Dennoch finde ich wie über die Masse geredet wurde, die nach dem Mainz-Spiel vorm Stadioncenter demonstriert hat, völlig unangebracht. Und hierzu hatte vielleicht sogar die Vereinsseite mit völlig unnötigen Kommentaren wie „Wenn sie uns nicht verstehen, müssen wir sie auch nicht verstehen“ nicht unerheblich beigetragen. Was dann die Ultras später mit Plakaten im Stadion verkündet haben (Koller war der nur der Erste o.s.ä.) fand ich ebenso bescheuert. Finde insbesondere Gustl macht seit geraumer Zeit eine hervoragende Arbeit. Auch in der Außendarstellung. Schwenken ist ohnehin nicht zu kritisieren. Allerdings sollte man sich so langsam doch mal intensive Gedanken um einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden machen. Ohne dadurch die sicherlich vielfach vorhandenen Leistungen von Altegoer für den Verein zu schmälern.

    Was das Offensivspiel angeht, auch d’accord. Aber ich frage mich, ob es nicht ein Fehler in der Transferpolitik war, nicht zu Saisonbeginn einen weiteren „Strafraumstürmer“ zu kaufen. Da sind wir im Grunde völlig blank. Insofern fehlen uns einfach abgesehen von den Konterattacken über die schnellen Dedic und Sestak im Grunde die (spielerischen) Alternativen. Was aber Herrlich aus dieser leblos wirkenden Mannschaft, wie sie zuletzt unter Koller phlegmatisch aufgetreten ist, gemacht hat, dem zolle ich Respekt. An dem, was Du völlig zurecht kritisierst, wird sich aber vermutlich mit dem Kader (leider) nichts mehr ändern. Dafür steht nun der ehemalige Hühnerhaufen, auch Abwehr genannt, deutlich sortierter und dass das Trainieren von Standardsituationen etwas ausmacht, sieht man nun auch. Auch etwas, was unter Koller ein non-go war. Insofern vermute ich, dass der Aufschrei nun nicht kommt, weil wir dann doch realistisch genug sind, das Potential des Kaders richtig einzuschätzen.

    Ich gehe davon aus, dass am Samstag der Dreier kommt. Aber dann wird es erst Recht keine differenzierte Sicht geben 😉 Ich freue mich einfach darüber, dass Besuche des Ruhrstadions nicht mehr mit einer 90-minütigen Behandlung mit einer neunschwänzigen Katze gleichzusetzen sind. Da kann man auch ein bißchen euphorischer sein und Mißstände mal hinten runter fallen lassen… 😉

    Beste Grüße
    Andreas

  4. Hej Andreas,

    ich glaube, dass wir inhaltlich gar nicht so weit auseinanderliegen. Zum Thema Herrlich/Koller kann ich Dir im Übrigen – sofern noch nicht bekannt – einen sehr lesenswerten Beitrag meines Blogger-Kollegen Daniel empfehlen, der Dir aus der Seele sprechen dürfte:
    http://www.derwesten.de/blogs/einwuerfe/stories/7214/

    Es freut mich wirklich sehr, dass der VfL ganz langsam die Opfer-Rolle ablegt. Die Herrlich´sche Dialektik aus Demut einerseits und unbedingtem Erfolgswillen andererseits finde ich sehr überzeugend.

    Ein Dreier gegen Hoffenheim wäre natürlich sehr wichtig. Wäre doch zu schön, wenn wir den Anschluss an das gesicherte Mittelfeld herstellen und eine entspannte Rest-Rückrunde verleben.
    So ganz traue ich dem Braten aber noch nicht. Schließlich haben wir in den letzten Wochen auch sehr viel Glück gehabt. Nicht nur, aber auch.

    Beste Grüße
    Luis
    1848 Einwürfe
    http://www.derwesten.de/blogs/einwuerfe

    PS: Habe Deine „Lagerstätte“ übrigens in unsere Blogroll aufgenommen. Bitte melden, falls das nicht erwünscht ist.

  5. Hi Luis,

    den Blog von Daniel hatte ich schon wohlwollend zur Kenntnis genommen. Letztendlich sind es ja alles auch nur Nuancen bei der Bewertung. Was zählt, dass der Klassenerhalt steht. Je eher, desto schöner natürlich. Wobei ich mich schon dabei erwischt habe, wie ich mir den Text des Europokalliedes in Erinnerung gerufen habe… Nein, nicht durchgeknallt. Nur geträumt!

    Schöner Kommentar zu Gustl übrigens (http://www.derwesten.de/blogs/einwuerfe/stories/7246/) Aber muss man den Armen direkt mit jemanden von Drüben in einen Topf werfen? 🙂

    Danke fürs Verlinken. Mache ich direkt auch mal!

    Blau-weiße Grüße
    Andreas


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