Verfasst von: Andreas Wiemers | 27. März 2010

Aggressiver Greifvogel verspeist harmlose graue Maus

Unter besten Voraussetzungen für einen schönen Fußballabend trat der VfL Bochum 1848 gestern gegen die Eintracht aus Frankfurt an: Ein von Regen durchtränkter Rasen, der den technisch limitierten Bochumer entgegen kommen sollte und ihnen die Möglichkeit hätte bieten können, über den Kampf zum Spiel zu finden. Dazu noch die besondere Flutlichtatmosphäre und eine gut besetzte Ostkurve, die zu Beginn ihr Team lautstark unterstützte. Doch es wurde leider schnell klar, dass die äußeren Umstände und die anwesenden Frankfurter Gegenspieler die blau-weißen Halbgötter Versager überforderten.

Der VfL kam überhaupt nicht ins Spiel und war von Beginn an gegen aggressive und offensiv aufspielende Frankfurter überfordert. Just in dem Moment, als ich einem abwesenden VfL-Fan per SMS mitteilen wollte, dass die ärmste Sau im Stadion der Ball führende Bochumer sei, setzte sich Vahid Hashemian auf der rechten Seite gegen zwei Gegenspieler durch und flankte mustergültig auf den völlig ungedeckten Lewis Holtby, der zum überraschenden und unverdienten Führungstreffer einnetzte. Doch wer dachte, der VfL würde nun mit Selbstbewusstsein und mehr Sicherheit auftreten, musste sich eines besseren Belehren lassen.

Anstatt den Fight gestärkt durch eine Führung anzunehmen, zog man sich in die Defensive zurück und setzte auf eine Spielweise, für die schlichtweg das Spielermaterial fehlt. Denn nachweislich war der VfL gestern ohne Verteidiger auf dem Platz. Zum Beispiel Außenverteidiger Christian Fuchs, der in Interviews verkündet, er fühle sich für die Champions-League berufen, lies sich eigentlich 90. Minuten lang von seinem Gegenspieler überlaufen. Nur einmal nahm er seine Aufgabe war, grätschte seinen Gegenspieler mit einem Foul ab und verursachte so den Freistoß, der in der 29. Minute zum völlig verdienten Ausgleich der Frankfurter führte. Hätte sich Fuchs in diesem Moment so passiv verhalten, wie in den restlichen 5399 Sekunden, hätte die blau-weiße Führung vielleicht länger Bestand gehabt. Doch die fehlende Fuchssche Passivität wurde direkt von den beiden Bochumern ausgeglichen, zwischen denen sich Torschütze Russ ungestört per Kopf durchsetzen konnte.
Auch Fuchs linkes Pendant Matias Concha nahm ebenso wenig am Spielgeschehen teil. Er fiel allenfalls dadurch auf, dass er wirklich konsequent jeden eigenen Einwurf zu einem Frankfurter Gegenspieler brachte. Dass Abstöße, Ecken und Flanken nie den eigenen Spieler erreichen, ist man in Bochum ja inzwischen gewöhnt. Aber dass selbst Einwürfe auch direkt beim Gegner landen, ist zumindest für mich dann doch eine völlig neue Qualität des Versagens. Defensiv offenbarte der VfL gestern Abend eine E-Jugend-Mentalität und es spricht für sich, dass die oftmals gescholtenen Marcel Maltritz und Christoph Dabrowski noch als beste Abräumer am gestrigen Abend bezeichnet werden müssen. Und das Adjektiv „beste“ relativiert sich direkt, wenn man bedenkt, dass Maltritz mit einem zu kurzen klärenden Ball das 1:2 der Frankfurter in der 64. Minute einleitete und auch beim Frankfurter Ausgleich gemeinsam mit Mergim Mavraj Russ gewähren lies.

Es war erschreckend zu sehen, dass der VfL nach diesem Rückstand nicht mehr in der Lage war, sich gegen die drohende Niederlage zu stemmen. Selbst gegen Frankfurt konnte der VfL spielerisch nicht mithalten und wenn dann auch noch die Primärtugenden Kampf, Einsatz und Leidenschaft fehlen, muss man konstatieren, dass es unheimlich schwer wird, die Klasse zu halten. Von den komfortablen neun Punkten Vorsprung auf die Abstiegsplätze sind derzeit noch vier Pünktchen übrig und die direkten Konkurrenten haben aktuell noch ein Spiel weniger auf dem Konto. Auf jeden Fall lässt sich mit einem Kollektivversagen wie beim gestrigen Spiel die Klasse nicht halten und ich hoffe, dass Trainer Heiko Herrlich personelle Veränderungen vornimmt. Eine Maßnahme wäre sicherlich Philipp Bönig auf der linken Außenverteidigerposition zu bringen. Denn mit seiner Leidenschaft und Einsatzwillen kann er seine inzwischen lethargisch und behäbig wirkenden Mitspieler sicherlich mitreißen. Und diese Tugenden werden wir am kommenden Wochenende in dem wegweißenden Spiel im Breisgau definitiv brauchen. Angesichts der Freiburger Heimschwäche und der Tatsache, dass wir zumindest auswärts 45 Minuten Fußball spielen und kämpfen können, zwinge ich mich zu Optimismus. Auch wenn es immer schwerer fällt.

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Responses

  1. Mein lieber Mann. Das las sich schon in den SMSen nicht gerade schön. Danke noch einmal dafür. Im Nachhinein hatte ich in der schönen Provinz wohl mehr Spaß als im Stadion…


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