Verfasst von: Andreas Wiemers | 29. März 2010

Tradition, Identifikation und Werte sind kostbar – und käuflich!

Dies ist nicht für RTL, ZDF und Premiere,
ist nicht für die Sponsoren oder die Funktionäre,
nicht für Medienmogule und Öl-Milliardäre,
das hier ist für uns, für euch, für alle!

…sangen vor wenigen Jahren Fettes Brot gemeinsam mit Marcus Wiebusch (Kettcar), Carsten Friedrichs (Superpunk) und Bela B. (Die Ärzte) über das, was wirklich wichtig ist. Nämlich Fußball! Dass sich die Perspektive für die Vereine verschoben hat, ist nicht erst durch Kapitalgesellschaften, skurrile Finanzgeschäfte bis hin zum Verkauf des Vereins an Investoren deutlich geworden. Um im Streben nach Triumphen und Pokalen vermeintlich konkurrenzfähig zu bleiben, wird der Ausverkauf des Fußballs forciert. Der Fußball, der für die Mehrheit der Fans nicht nur das Wichtigste, sondern das Einzige im Leben ist, verkommt für den Ligaverband DFL und dessen Vereine immer mehr zu einer Ware, die unabhängig von Identifikation, Traditionen und Werten meistbietend verhökert werden.

Bisweilen kann man es nachvollziehen, dass sich auch der VfL Bochum 1848 dieser Entwicklung schon allein aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit nicht verschließen kann. Doch trotz aller ökonomischen Ausrichtung wurde er bislang seinem im Leitbild formulierten Anspruch gerecht, inmitten des Ruhrpotts ein sympathisches Gegengewicht zum Buerer und Lüdenscheider Größenwahn zu sein. Obgleich der VfL anno 2006 die Namensrechte für das Stadion an der Castroper Straße an eine Tochter der Stadtwerke Bochum und anderer Energieversorger verkaufte, konnte man für diesen Schritt – zwar mit einigen Bauchschmerzen – noch Verständnis haben. Spülte dieser Verkauf des Ruhrstadions immerhin zusätzliche Gelder in die Vereinskasse, um sie in die Konkurrenzfähigkeit des Kaders zu investieren.

Nun wird gemunkelt, dass der VfL den Vertrag mit seinem langjährigen Premiumpartner, der ortsansässigen Privatbrauerei Moritz Fiege, nicht mehr verlängert. Offensichtlich hat eine Großbrauerei aus dem Sauerland ein Auge auf den VfL geworfen und überbietet konsequent jedes Angebot des bisherigen Bochumer Hoflieferenten (Quelle). Es darf allerdings bezweifelt werden, dass sich das Angebot aus dem Sauerland in Sphären bewegt, die sich eklatant positiv auf die Einnahmesituation des VfL auswirken. Eine Diskussion also, für die man als Fan im Grunde kein Verständnis haben kann. Denn dieses Geschäftsgebaren dürfte nicht mit dem Verkauf der Namensrechte des Ruhrstadions vergleichbar sein. Es handelt sich hierbei vielmehr um eine Frage des Prinzips und wie sagte Finanzvorstand Ansgar Schwenken anlässlich der Verlängerung der Partnerschaft zwischen dem VfL Bochum und der Moritz Fiege-Brauerei noch im Jahr 2003: „Was passt besser zusammen, als der VfL als Bochumer Traditionsverein und die Privatbrauerei Moritz Fiege als Bochumer Traditionsunternehmen?“ Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen; allenfalls die Frage, was sich daran nun geändert haben soll.

Will der VfL seinem Leitbild und den darin selbst formulierten Ansprüchen wie

„In Bochum, aus Bochum, für Bochum – Der VfL Bochum 1848 ist ein Bochumer Junge.“

oder

„Wir bekennen uns zu unserer regionalen Identität und unserer Tradition“

oder

„Blau und weiß sind unsere Farben, der Ruhrpott unsere Region, Bochum unsere Heimat und die Castroper Straße unser Zuhause!“

also nun gerecht werden oder wirft er die von ihm selbst gestellten Ansprüche, die angeblich handlungsleitend für Angestellte und Fans des Vereins sein sollen und mit großem Getöse auf einer Jahreshauptversammlung im Jahr 2007 präsentiert wurden, komplett über Bord. Es geht nun um die Frage, ob der VfL mangels Titel und Trophäen zumindest seine regionale Identität bewahrt oder aber als farbenlose graue Maus im Sumpf der kapitalorientierten Fußballvermarktungsvereine untergeht.

Denn sollte sich der VfL tatsächlich gegen den heimischen Lieferanten emotionshaltiger Brause entscheiden, ginge ein weiteres Stück Identität mit diesem Verein verloren. Es ist schon schlimm genug, dass man in der Stadt mit der besten Currywurst der Welt im Stadion labberige Bratwurst offeriert bekommt, die ihren Namen nicht verdient, nun auch das Bier wechseln soll. Es ist bisweilen kopfschüttelnd zu beobachten, wie der Verein mit identitfikationsstiftenden Spieler umspringt. Begriffe wie Identifikation, Werte und Tradition spielen offenbar nur noch in Fankreisen eine Rolle. Und das schlimme an dieser Diskussion ist, dass man weder als Fan noch als Vereinsmitglied die Hintergründe erfahren wird. Denn entsprechende Fragen werden auf Jahreshauptversammlungen konsequent mit dem Satz „Wir bitten um Verständnis, dass wir zu Vertragsinhalten nichts sagen können“ abgespeist. Es bleibt zu hoffen, dass die Fans einen etwaigen Wechsel des Bieranbieters nicht einfach im wahrsten Sinne des Wortes „schlucken“ und den Verein ihren Unmut spüren lassen. Vielleicht mit grünen Shirts anstatt des obligatorischen Trikots beim nächsten Heimspiel, oder aber – wenn alle Stricke reißen – notfalls in der kommenden Saison mit den Füßen abstimmen…

Weitere Informationen
Pottblog.de:
Privatbrauerei Moritz Fiege in Verhandlungen mit dem VfL Bochum über das Premium-Sponsoring

VfL Bochum: Privatbrauerei Moritz Fiege unser erster Ansprechpartner

1848 Einwürfe:
Tradition verpflichtet? Fiege auf dem Prüfstand

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Responses

  1. Volle Zustimmung! Die Nische, die man sich mit dem Leitbild zwischen den Kapitalunternehmen aus Do und Ge eröffnet hat, schlägt man anscheinend mit Freude wieder zu.

    Wenn der VfL sich nicht durch sein Handeln angenehm abhebt von den anderen Verein, geht er im Einheitsbrei der Liga unter.

  2. Fragt sich nur, wieso Du das kritisierst, aber gleichzeitig ein Bild des falschen Stadions verwendest….

  3. @Ruhrstadion
    Ich habe geschrieben, dass ich für den Verkauf des Namens – mit Bauchschmerzen – noch Verständnis habe. Und auch wenn der Name falsch ist, bleibt es immer noch ein vorzeigbares Schmuckkästchen.

  4. Privatbrauerei Moritz Fiege in Verhandlungen mit dem VfL Bochum über das Premium-Sponsoring…

    Der VfL Bochum als einer der erstklassigen Bundesliga-Vereine aus dem Ruhrgebiet lebt von seinem eher “bodenständigeren” Image und der lokalen Verwurzelung und möchte sich damit von den Nachbarvereinen aus Dortmund und Gelsenkirch…

  5. Fiege schmeckt gut, die Firma passt, nur bei deutlich (!) mehr Geld wäre ein Wechsel erklärbar.

    Tom, CB’93

  6. Tom, nur dass sich die Angebote um eben dieses „deutlich“ unterscheiden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das blöde ist, dass man nix genaues weiß und auch nie genaues erfahren wird. Nur irgendwann die Mitteilung, wer es denn nun sein wird.


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