Verfasst von: Andreas Wiemers | 20. April 2010

„Das ist populistische Scheiße“

Als wäre die Situation für den VfL Bochum 1848 angesichts von den Medien angefachter Trainerdiskussionen (klick, klick), Spekulationen über Disharmonie in der Mannschaft und zwischen Mannschaft und Trainer (klick, klick), einhergehend mit der Leistungskurve und berechtigen Abstiegssorgen nicht schon schlimm genug, rufen nun die Ultras Bochum dazu auf, am kommenden Donnerstag das Abschlusstraining der Mannschaft aufzusuchen und den Unmut abermalig zu verkünden.

Zweifellos ist jede Kritik an der Leistungsbereitschaft insbesondere nach dem jüngsten Auftritt Versagen in Köln gerechtfertigt. Diese Kritik musste die Mannschaft nicht nur von den Fans, in den Foren und von Medien einstecken. Diese Kritik wurde auch vom Trainer und Spielern angenommen und geteilt. Wenn Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Verbesserung ist, darf man zumindest hoffen, eine solche Leistungsverweigerung in den kommenden Spielen im Kampf um den Klassenerhalt nicht mehr präsentiert zu bekommen.

Also los Leute, tretet der Mannschaft gewaltig in den Arsch!

…heißt es nun in dem Aufruf der Ultras. Das haben die Ultras bereits in aller Deutlichkeit nicht nur unmittelbar nach dem Schlusspfiff in Köln, sondern auch bei der folgenden Trainingseinheit am Samstag getan. Bei aller berechtigter Enttäuschung und Abstiegsängsten gehen die Ultras inzwischen aber eindeutig zu weit. Übereinstimmend wird berichtet (klick, klick), dass diese Gruppierung mit übelsten Beschimpfungen und Beleidigungen das Mannschaftstraining begleitete. Wenn die Ultras meinen, mit diesen Entgleisungen einer offenbar völlig verunsicherten und verängstigten Mannschaft auf den Pfad der Tugend zurückzuhelfen, befinden sich die Ultras allerdings völlig auf dem Holzweg. Grotesk wird es dann, wenn sich eben jene Gruppierung in ihrem Aufruf für den kommenden Donnerstag darüber beklagt, einzelne Spieler hätten mit Aussagen wie „Halt’s Maul“ und „Wenn wir allein wären, würde ich Dir richtig den Arsch aufreißen“ auf die Ultra-Pöbeleien reagiert. Bei halbwegs vernünftigem Menschenverstand dürfte jedem klar sein, dass irgendwann das erträgliche Maß an Beleidigungen und Beschimpfungen bei jedem erschöpft sein dürfte. Dies gilt auch für Angestellte des Vereins. Nichtsdestotrotz rechtfertig dies gleichzeitig auch nicht, dass sich die Profis auf das Niveau der Fans herablassen. Aus all dem dann allerdings abzuleiten, die Spieler hätten absolut den Bezug zu den Fans verloren, kann im Grunde nur dem gesteigerten Konsum diverser Rauschmittel geschuldet sein.

Auch das Spruchband

„Ihr verdient es nicht, unsere Farben zu tragen“

wirkt äußerst befremdlich. Auch wenn diese Gruppierung vielleicht bei Auswärtsspielen nicht aktiv am Zünden von Bengalos, Rauchbomben und Knallkörpern beteiligt sein sollte, zelebrieren sie solche Vorkommnisse als hätte just in dem Moment der VfL unten auf dem Rasen ein Tor erzielt. Dass dadurch die meist pubertierenden Straftäter erst animiert werden, weil sie dann doch endlich mal cool sind, liegt auf der Hand. Und das eben jene selbst ernannten „wahren Fans“ Geschehnisse, die dem Verein nachweislich Schaden, zum Anlass nehmen, im Block eine Party unabhängig von Spielstand und Spielverlauf zu feiern, spricht für sich. Auch dass die Ultras explizit in ihrem Aufruf darauf hinweisen (müssen?),

dass Handgreiflichkeiten oder Sachbeschädigung dort nichts zu suchen haben

macht deutlich, welche Klientel sie (bewusst?) mit solchen „Aktionen“ ansprechen wollen und wirft die Frage auf, wer es eigentlich nicht verdient, unsere Farben zu tragen.

Als „Unmut zur Unzeit“ bezeichnet die Frankfurter Rundschau die jüngste Entwicklung in Bochum völlig zu Recht. Welchen Sinn es haben soll, das Abschlusstraining in dieser Saisonphase und die konzentrierte Vorbereitung auf das wichtige Heimspiel gegen den VfB Stuttgart zu stören, erschließt sich mir beim besten Willen und Verständnis für Unmut, Abstiegsangst und Enttäuschung nicht. Uli Hoeneß würde dies wohl wie folgt kommentieren: „Das ist populistische Scheiße„. Und so ein klares Wort wäre von Vereinsseite nun mehr als wünschenswert. Denn wer der Mannschaft helfen will, sollte sich nicht am Donnerstag gegen sie, sondern am Freitag um 20:30 Uhr lautstark hinter sie stellen.

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