Verfasst von: Andreas Wiemers | 6. September 2010

Satzungskommission: Fluch oder Chance?

Knapp vier Monate nachdem sich beim VfL Bochum 1848 verschiedene Fan-Initiativen gegründet haben, ist ordentlich Bewegung in den oftmals zu Recht als leblos charakterisierten Leib geraten.

Er bewegt sich!
Abgesehen von kulinarischen Fortschritten (Moritz Fiege bleibt, Dönninghaus kommt zurück) plant der Verein zur Verbesserung des Dialoges und intensiveren Einbindung der Vereinsmitglieder eine weitere Mitgliederversammlung zusätzlich zur turnusgemäßen Jahreshauptversammlung einzuführen. Auch transparenter wollen die (Führungs-)Gremien des VfL nun arbeiten und regelmäßiger die eigenen Mitglieder in speziellen Broschüren über ihre Tätigkeiten informieren. Ein erster Schritt wurde mit der Sonderausgabe des Heftes „Mein VfL“ zur Saisoneröffnung gemacht.
Nicht nur eine Verjüngung stellen die jüngsten Personalentscheidungen dar, sondern auch wünschenswerte neue und innovative Ideen ziehen hoffentlich mit Frank Goosen, der auf der kommenden Jahreshauptversammlung am 4. Oktober in den Aufsichtsrat nachgewählt werden soll, und den zu benennenden neuen Aufsichtsratsmitgliedern Hans-Peter Villis (Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns EnBW) und Bernd Wilmert (Geschäftsführer der Stadtwerke Bochum) in den VfL-Aufsichtsrat ein.

Mehr Demokratie wagen
Vor allem für mehr Mitbestimmungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten der Vereinsmitglieder und VfL-Fans setzen sich die Fangruppierungen ein und haben damit einen Diskussionsprozess über die Vereinssatzung in Gang gebracht, der vermutlich ohne diesen Druck nicht entstanden wäre. Insbesondere die Abschaffung der Blockwahl des Aufsichtsrates, einen mit mehr Rechten ausgestatteten Fan-Vertreter im Aufsichtsrat und ein transparenteres und offeneres Wahlverfahren für alle Gremien des Vereins stehen im nach wie vor berechtigten Forderungskatalog der Initiativen. Sowohl an der praktischen Umsetzung dieser Forderungen wurde in den zurückliegenden Wochen intensiv gearbeitet als auch in den Reihen der Mitgliedschaft und Fanszene für diese Ziele geworben. All dies führte dazu, dass wenige Wochen vor der Jahreshauptversammlung des VfL zwei Handlungsoptionen zur Wahl stehen: Entweder man versucht auf Biegen und Brechen gegen den erklärten Willen des Vereins die Satzung mit Anträgen auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung zu ändern oder aber man lässt sich auf die Verein angebotene Satzungskommission ein, die paritätisch besetzt sein soll, und bis zur Jahreshauptversammlung im Jahr 2011 Satzungsänderungen erarbeiten und einbringen soll.

Hierzu lässt sich derzeit aus meiner Sicht folgendes festhalten:

1. Kein akuter Handlungsdruck
Ob die Vereinssatzung nun 2010 oder erst 2011 geändert wird, hat zeitlich keine Auswirkungen auf die erst im Jahr 2012 stattfindenden Neuwahlen des Aufsichtsrates. Die einzige Entscheidung, die auf der Jahreshauptversammlung 2010 mit Blick auf 2012 interessant ist, ist die Neuwahl des Wahlausschusses. Und die hierfür notwendigen strukturellen Veränderungen hat man bereits 2009 verpennt. Daher kann und muss es nun erst mal Aufgabe der kritischen Mitgliedschaft sein, eine Person ihres Vertrauens in dieses Gremium am 4. Oktober zu wählen.

2. Neue Wege: ja – nur in welche Richtung?
Obgleich in den zurückliegenden Wochen viel diskutiert und geworben wurde, sind viele Fragestellungen noch nicht eindeutig und vor allem mehrheitsfähig geklärt. Unstrittig ist, dass die Blockwahl des Aufsichtsrates abgeschafft werden soll. Strittig hingegen ist, ob das neue Wahlverfahren in der Satzung manifestiert oder nicht besser in einer Wahlordnung festgeschrieben werden sollte. Auch die (neue?) Rolle des Wahlausschusses ist noch unklar: Soll er Kandidaturen lediglich entgegennehmen und für die praktische Durchführung der Wahlen verantwortlich sein oder soll ihm weiterhin ein Vorschlagsrecht eingeräumt werden. Auch die gestärkte Funktion des Fan-Vertreters im Aufsichtsrat ist noch nicht ausgereift bzw. wurde diese Diskussion noch nicht einmal in der den Fanclub-Vertreter nominierenden Fanclub-Konferenz diskutiert. All dies sind Fragen, die zwei Fan-Konferenzen nicht eindeutig beantworten konnten. Sicherlich sind es keine Probleme, die nicht gelöst werden können. Dennoch bedarf es hierfür eines Diskussionsprozesses, der länger als zwei Monate andauert, der in mehr als nur zwei Veranstaltungen diskutiert wird und der mit mehr Mitgliedern und Beteiligten geführt werden muss. Dies gilt umso mehr, wenn für die Änderungen eine breite Unterstützung der Mitgliedschaft in Form einer Mehrheit von drei Vierteln der abgegebenen Stimmen erforderlich ist.

3. Mehrheiten gewinnen!
Einen mehr als respektablen Unterstützerkreis konnte Wir sind VfL bereits zur Fan-Konferenz am 20. Juli vorweisen, auf der die Stoßrichtung der Satzungsänderungen vorgestellt wurde. Diese Vorstellung führte allerdings nicht dazu, dass der Initiative in den folgenden Wochen die vereins- bzw. führungskritischen Massen in Scharen zu liefen. Dies gilt besonders für Kreise, die sich nun im Internet und Foren lautstark über den Ausgang der Fan-Konferenz am 2. September echauffieren. Mehrheiten lassen sich allerdings nicht gewinnen, wenn man nur in der virtuellen Welt nach Veränderungen ruft und diese einfordert, sondern wenn man sich aktiv daran beteiligt, für die notwendigen Mehrheiten wirbt und Unterstützung sicherstellt.

4. Achtungserfolge sind wirklichen Veränderungen nicht zweckdienlich
Für diese Mehrheiten haben Wir sind VfL und das Satzungsgremium, das aus der Wake-Up-Veranstaltung von Klartext 1848 hervorging, in den zurückliegenden Wochen intensiv geworben. Dabei ist es allerdings noch nicht gelungen, neue und erforderliche Kreise zu erschließen. Sicherlich könnte man nun auf der Jahreshauptversammlung 2010 auch ohne Unterstützung in der Breite eine ausreichende Masse generieren, um zumindest einen Achtungserfolg zu erzielen. Dieser bestünde allerdings vermutlich nicht im Überwinden der notwendigen 3/4-Mehrheit-Antragsannahme-Hürde, sondern wahrscheinlich allenfalls in dem Ergebnis, dass der Antrag mit einem achtbaren Ergebnis von positiv geschätzten 60 Prozent zustimmenden Mitgliedern abgelehnt würde. Zweifellos wäre dies für Bochumer Verhältnisse ein beeindruckendes Ergebnis. Doch wäre ein solches Abstimmungsergebnis zum Beispiel für die Blockwahl aus Sicht des Vereins, der unabhängig von etwaigen Satzungsänderungsanträgen auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung eine Satzungsdiskussion führen wird, exakt das Totschlagargument, um diesen Aspekt bei der Diskussion bis 2011 nicht mehr berücksichtigen zu müssen. Denn die Jahreshauptversammlung – und damit das höchste beschlussfassende Organ des Vereins – hat dann ja eben erst entschieden, dass sie die Blockwahl für das richtige Wahlverfahren hält. Und allen voran eine Gruppierung, die mehr Demokratie anmahnt, sollte und müsste dann auch diese demokratische Entscheidung akzeptieren und kann nicht auf Abstimmungen drängen, bis ihr die Ergebnisse passen. Insofern könnten voreilige Antragsstellungen der Sargnagel für eine der essentiellen Forderungen des Fan-Protestes sein, den diese Fan-Proteste dann auch noch selbst eingeschlagen hätten.

Satzungskommission als Chance begreifen
Schlussendlich lässt sich festhalten, dass eine Satzungskommission, an der Fan-Vertreter mitwirken, mehr als Chance denn als Fluch verstanden werden sollte. Nicht nur, dass somit mehr Zeit bliebe, für die Ziele in der Breite der Mitgliedschaft noch intensiver zu werben und so die notwendigen Mehrheiten durch Diskussionen und Akzeptanz der Forderungen zu gewinnen. Sie birgt auch die Chance, in der Mitgliedschaft einen gemeinsamen Nenner in der konkreten Ausgestaltung der erforderlichen Satzungsänderungen im Vorfeld einer Jahreshauptversammlung zu finden und diese, sich negativ auf die Antragsannahme auswirkende Diskussion, nicht erst im Rahmen einer Jahreshauptversammlung führen zu müssen. Ferner ist die Teilnahme an einer Satzungskommission nicht gleichbedeutend mit der Tatsache, man rücke von den nach wie vor berechtigten Forderungen auch nur einen Millimeter ab. Letztendlich wird man darüber zu befinden haben, zu welchen Ergebnissen eine solche Satzungskommission kommt, ob man sich mit diesen Ergebnissen zufrieden gibt oder mit Änderungsanträgen in die Antragsdiskussion im kommenden Jahr geht. Die voranschreitende Zeit bis zum Jahr 2011 und die Diskussion der Satzungsänderungen in der Breite muss für diesen Prozess kein Nachteil sein. Im Gegenteil.

***
Diese Position gibt lediglich die Meinung des Autors wieder.

Advertisements

Responses

  1. […] Satzungskommission beim VfL Bochum: Fluch oder Chance? (Andreas Wiemers: Lagerstätte) – Einer der Initiatoren von „Wir sind VfL“ macht sich seine Gedanken über die weitere Entwicklung… […]


Kategorien