Verfasst von: Andreas Wiemers | 23. September 2010

VfL, wir sind da, jedes Spiel ist doch klar…

Beinahe könnte man den Ultras dankbar sein, dass sie dem Heimspiel gegen Arminia Bielefeld fern geblieben sind und zu einem Heimspielboykott aufgerufen haben. Es war nämlich ganz nett, mal nicht von 16-Jährigen den Stinkefinger gezeigt zu bekommen und mit monotonen Dauergesängen, die das Spielgeschehen völlig ignorieren, eingeschläfert zu werden. Verpasst haben jene, die diesem Aufruf gefolgt sind, allerdings einen Sieg gegen 11 Kühe und Schweine sowie einer Ziege, den man sportlich nicht wirklich einordnen kann, der aber psychologisch extrem wichtig war. Denn dieser 3:1-Erfolg könnte einen Beitrag dazu leisten, dass die Mannschaft ihre bisweilen völlige Verunsicherung überwindet, wieder Lust am Fußball „spielen“ entwickelt und merkt, dass Einsatzwille und Leistungsbereitschaft sich nicht nur mit Punkten bezahlt machen, sondern auch Prämien in den eigenen Geldbeutel fließen lassen.

Bereits am kommenden Montag kann der VfL Bochum 1848 in der Esprit-Arena beweisen, ob die Siegespille nachhaltig wirkt und man gewillt ist, den rosa Strampelanzug gegen Arbeitsklamotten einzutauschen. Und diese Bringschuld liegt nach wie vor auf den Schultern unserer Vertreter auf dem Rasen. Man kann nur hoffen, dass sie von dieser Last nicht wieder einmal erdrückt werden. Aber nach dem gestrigen Spiel besteht zumindest ein Funken Hoffnung und Zuversicht, dass die Elf den Schalter umlegen kann – wenn sie will!

Wünschenswert wäre diese Schalterumstellung allerdings auch bei den Fans, die bei einer 3:1-Führung nichts Besseres zu tun haben, als den in der 90. Minute eingewechselt Ex-Kapitän mit einem Pfeifkonzert zu begrüßen. Bei aller durchaus berechtigten sportlichen Kritik, die man gegen Marcel Maltritz anbringen kann, war dieses Begrüßungsritual ein selten dämliches und peinliches Armutszeugnis einer Kurve, die sich offenbar auch erst wieder finden muss und dabei schleunigst Schluss mit ihrer scheinheiligen Doppelmoral machen sollte.

Doch Doppelmoral steht in der Bochumer Fanszene derzeit offenbar ziemlich weit oben in der Beliebtheitsskala, womit der Bogen zum Beginn des Blogs gespannt wäre. Denn die Ultras verteilten ihren Boykottaufruf vor dem Stadion nicht etwa unter ihrem Label oder gaben sich vor Ort als Urheber dieser „grandiosen“ Idee zu erkennen. Stattdessen stach dem Leser des Flugblatts der Slogan der Fan-Initiative „Wir sind VfL“ in die Augen. Sicherlich hat niemand für diesen Claim einen Alleinvertretungsanspruch. Nur wirkte es in diesem Fall wie eine (bewusste?) Instrumentalisierung und nicht wenige fragten sich, warum denn plötzlich „Wir sind VfL“ ebenfalls zum Heimspielboykott aufrufen würde. Aber geschenkt! Freuen wir uns lieber, dass sich eine Gruppe, die abgesehen von Einzelpersonen, nichts mit den Zielen des Manifestes anfangen kann und/oder will, sich auch als VfL versteht. Willkommen im Club!

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Responses

  1. Tja, für einige wenige Menschen bleiben die Ultras ewig jung, den anders kann ich mir den seit etwa 10 Jahren umhergeisternden Spruch vom 16-jährigen Ultra mit schlechten Manieren nicht erklären. Und während man Leute wie Sie wohl an einem bitterkalten Dienstag Abend in Kiel, montags am Arsch der (Lausitzer) Heide oder bei einem VfL-Testspiel am anderen Ende der Welt wohl vergeblich sucht, langweilen gerade die ignoranten Ultras mit ihrer Doppelmoral in jenen Momenten den Rest des Stadions.

  2. Ich muß dem ersten Kommentar leider recht geben. Ich unterstütze zwar die Fan-Initiative, halte allerdings auch nichts davon, jeden Ultra pauschal über den Leisten zu ziehen und Alternativen in Sachen Atmosphäre haben die UB-Gegner ja eigentlich nie bewiesen. Mag sein, daß einzelne Jünglinge sich beweisen wollen, aber der Großteil ist doch echt anders drauf

  3. Allein diese elitäre Einstellung Deines (@Christoph) leider anonymen Vorredners regt mich auf und bestätigt mich in meiner Einschätzung dieser Gruppe. Diese Differenzierung nach Fans erster und zweiter Klasse, was daran fest gemacht wird, zu welchen Auswärtsfahrt man fährt und zu welchen nicht, ist einfach absurd.
    Zweifellos gibt es auch bei den Ultras vernünftige Leute. Doch heraus stechen jene, die wie z.B. gegen Augsburg der Kurve den Stinkefinger zeigen – nur weil die Kurve mal selbst aktiv geworden und zu einer Maßnahme gegriffen hat, die nicht ins Verhaltensmuster dieser Gruppe gepasst hat. Und die waren – wenn überhaupt – gerade mal höchstens 18, @Einer, der den Boykott mitgemacht hat. Insofern ist Ultrasein dann kein „Jungbrunnen“. Vielleicht wäre es mal ein Fortschritt, wenn die „Erfahrenen“ in solchen (und vielen anderen) Fällen es nicht mehr (wohlwollend?) tolerieren, sondern die Jungs zur Räson rufen…
    Womit ich dann beim Thema Stimmung wäre: Für mich ist es keine Stimmung, 90 Minuten lang „Allez Bochum“ oder ähnliches zu singen. Ich finde das monoton und langweilig. Für mich ist Fußball Emotion. Spontane Emotion. Und damit haben diese einstudierten „Choreographie-Gesänge“ nix mit zu tun. Insofern erübrigt sich mich für auch die Suche nach einer Stimmungsalternative. Denn das ist für mich keine Stimmung, ich würde sogar mal fragen, ob das wirklich Support ist? Auf mich wirkt es eher wie Selbstbeschäftigung/-befriedigung.

  4. Naja, das mit der Stimmung ist ja durchaus eher Geschmackssache. Allein daran festzuhalten find ich persönlich nicht OK. ich meine, in den Zeiten vor UB und Co. war ja außer einem gelegentlichen Vaaaauuu Eeeeef Eeeelll nicht viel zu hören. das erste mal, daß mich die „normale Kurve“ wieder begeistern konnte, war gg FCA der Bommerlunder, wo doch Situationswitz bewiesen wurde. Ich stimme insofern zu, als ich es auch nicht mag, wenn ich 2 nanosekunden nch einem Gegentreffer beschimpft werde, weil ich nicht mitsinge. Aber ich muß, mittlerweile aus gewisser Entfernung, sagen, daß man das auch nicht immer alles so ernst nehmen muß. Wenn ich mich über jede Kutte aufgeregt hätte, die in Oberhausen deren Fans derbe billig runtergemacht hat und die Choreo der HT-Mafia nicht verstanden hat, dann läg ich wohl mit Infarkt in der Klinik.


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