Verfasst von: Andreas Wiemers | 5. Oktober 2010

Alea iacta est

Man wird wahrscheinlich noch lange darüber diskutieren können, ob die Mitgliedschaft des VfL Bochum 1848 ausgerechnet in der Frage der gesetzlich erforderlichen Entlastung des Vorstandes und des Aufsichtsrates die Konfrontation und die Machtprobe mit den VfL-Führungsgremien suchen musste. Denn letztendlich ist eine solche Entlastung nichts anderes als der Verzicht des Vereins gegenüber den entlasteten Personen auf Schadensersatz- und Bereicherungsansprüchen. Dass dieses Stilmittel auf einer Jahreshauptversammlung gezogen wurde, in der die Schuldenfreiheit des Vereins verkündigt wurde, wirkt in diesem Kontext schon ein wenig grotesk.

Es stimmt bedenklich, dass die Mitglieder zu dem Instrument der Nichtentlastung gegriffen haben, um gegenüber den Führungsgremien des Vereins ihren Protest zu artikulieren. Anstatt die Auseinandersetzung in der Sache (z.B. im Diskurs über die zukünftige Ausrichtung des Vereins) zu suchen, wurde der Protest in Formalien kanalisiert. Protest und Widerspruch lässt sich halt am einfachsten in der anonymen Stimmabgabe artikulieren. Dass der Gestaltungs- und Mitspracheanspruch dabei hinten runter fällt, spielt offenbar nur eine untergeordnete Rolle und es sei dahingestellt, ob sich viele dessen bewusst waren, dass diese Art der Auseinandersetzung kein Konflikt auf Augenhöhe war.

Allerdings hat sich der Verein die Kanalisierung des Protests in Form der Nichtentlastung des Aufsichtsrates selbst zu zuschreiben. In dem man aus dem peinlichen Abstieg im Grunde keine personellen Konsequenzen gezogen hat (Herrlichs Entlassung wurde ja bereits am 32. Spieltag vollzogen) und damit auf das gleiche Personal setzte, das in den Augen vieler VfL-Fans den Niedergang des VfL in den zurückliegenden Jahren begleitet hat, wurde deutlich, dass der VfL aus dem sportlichen Desaster in Form des Abstiegs und im sportlichen Niedergang der zurückliegenden Jahre keine Lehren ziehen will. Das Signal lautete: weiter so! – und dieses Signal reichte Fans und Mitgliedern einfach nicht mehr aus. Zweifellos wurden erste Maßnahmen in Bezug auf mehr Beteiligungsmöglichkeiten und Öffnung der Vereinsstrukturen vollzogen bzw. angedacht, gleichwohl wurden diese in den Augen vieler Mitglieder allenfalls als Schönheitsoperation an einem dahinsiechenden Laib verstanden. Denn was zählt ist die sportliche Entwicklung. Hauptsächlich daran wird der Verein von seinen Mitgliedern gemessen.

Dass die Mannschaft mit ihren bisherigen blutleeren Auftritten in der Schweineliga sowohl den Vorstand als auch den Aufsichtsrat massiv geschadet und im Stich gelassen hat, liegt auf der Hand. Während vereinspolitisch versucht wurde, auf die Mitglieder zuzugehen, unterstrich die sich fortsetzende sportliche Negativspirale die grundlegende Kritik der Fans. Doch nicht nur die sportliche „Entwicklung“ hat dazu geführt, dass der Kessel gestern Abend auf der Jahreshauptversammlung explodierte. Denn mit schweren strategischen und taktischen Fehlern hat die Vereinsführung diese Stimmungslage an diesem Abend nicht nur herbeigeführt, sondern auch noch weiteres Öl ins Feuer gegossen. Auf den zu kleinen Saal sei in diesem Kontext geschissen. Denn wer nach den Jahreshauptversammlungen in den zurückliegenden Jahren tatsächlich glaubte, dass in diesem Jahr mehr als 600 Mitglieder kommen, ist entweder ein Seher oder nimmt verdammt gute Drogen. Vor allem die mit Worthülsen gefüllte und mit schwer nachvollziehbaren Argumenten gefütterte Rede des Sportvorstandes bestätigte viele Anwesende in der bereits oben angeführten Sicht. Das dümmste Eigentor schoss sich die Vereinsführung an diesem Abend allerdings im Umgang mit den knappen Ergebnissen bei der Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. An dieser Stelle wurde wiederholt deutlich, dass mehrere Mitglieder der Vereinsführung tatsächlich nicht verstanden haben, dass ihr eigentliches Problem in dem Verlust von Glaubwürdigkeit und tiefsitzenden Misstrauen der Mitglieder begründet ist. Es steht außer Frage, dass der Aufsichtsvorsitzende im Umgang mit der Situation falsch beraten wurde und sich damit immer fester in der Situation verstrickte. Ebenso klar ist, dass der Aufsichtsratsvorsitzende in dieser Situation von seinen „Freunden“ im Aufsichtsrat im Stich gelassen wurde. Während jene, die solche Verfahrungs- und Auszählungsdiskussionen eigentlich im FF beherrschen sollten, durch Schweigen auffielen, ritt der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende seinen Vorsitzenden mit einem selten dämlichen Wortbeitrag nur noch tiefer in die Scheiße. Dass der Vorsitzende des Aufsichtsrates den unnötig eingeschlagenen Weg nicht mehr verlassen konnte und wollte, wird sich aber wohl auch in einer gewissen Starrköpfigkeit begründen lassen. Letztendlich sprangen der Kapitän und seine Crew von Bord und was bleibt, ist ein Kahn, der führungslos durch die Untiefen der 2. Liga treibt und ein Verein, der droht zu kentern. Es wird eine Herkulesaufgabe sein, eine neue Führungscrew zu finden, die in der Lage sein wird, dass zerstörte Binnenverhältnis zu kitten und über ausreichend Vertrauensvorschuss verfügt. Klar dürfte dabei sein, dass von den bisherigen bzw. langjährigen Aufsichtsratsmitgliedern, die das Desaster mit herbei geführt haben, keiner für eine Position an vorderster Stelle im neuen Aufsichtsrat in Frage kommt.

Gänzlich absurd sind in diesem Kontext übrigens die Äußerungen eines Bochumer Radio-Kommentators, der den Fan-Protesten die Schuld für die Ereignisse des 4. Oktober zuschustern will. Wer tatsächlich solche Behauptungen aufstellt, hat schlichtweg nichts verstanden und führt seine persönlichen Feldzüge. Dass das Pulverfass gestern explodierte, liegt einzig und allein am verantwortungslosen Umgang der Vereinsführung mit dem Feuer.

Aufgrund der neuen Situation haben sich die Antragssteller rund um „Wir sind VfL“ dann zu entschlossen, ihre Anträge zurückzuziehen. Denn der Verein hat derzeit andere Probleme als eine Leitbild-Diskussion zu führen. Auch die Satzungskommission muss neu gedacht werden, da zumindest eines der benannten Mitglieder dem Aufsichtsrat nicht mehr angehört.

Abschließend noch ein Wort zu dem frisch gewählten Aufsichtsratsmitglied Frank Goosen: Wer als Neueinsteiger unmittelbar nach den Rücktritt von fünf Aufsichtsratsmitglieder so adäquat reagiert, hat vom Vereinsleben und -führung deutlich mehr verstanden als viele derjenigen, die an diesem Abend die Flucht ergriffen haben!

Frank Goosen:
VfL steht laut Goosen vor einem Neu-Anfang

Welt:
Der Patriarch geht, das Chaos kommt

Pottblog:
VfL Bochum: Der Tag nach der Jahreshauptversammlung

Dem Chris sein Blog:
Wenn man weiß, wer Schuld hat… ist alles gut.

Michael Faßbender:
Wie ein Fels, so stark und fest

Der Westen:
Altegoers Rücktritt „köhlermäßig“

Pottblog:
Werner Altegoer, Vorsitzender des Aufsichtsrates vom VfL Bochum, tritt bei Jahreshauptversammlung zurück!

Pottblog:
Jahreshauptversammlung des VfL Bochum: Halber Aufsichtsrat um Boss Werner Altegoer zurückgetreten, Frank Goosen aber gewählt

RevierSport:
Rücktrittswelle bei Jahreshauptversammlung

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Responses

  1. Klingt nach ner objektiven Analyse der Vorgänge.
    Oh, man..Das Ganze passt doch zum HSV aber nicht zum VFL !!!
    glück auf !

  2. […] Andreas Wiemers: Alea iacta est Pottblog: Jahreshauptversammlung des VfL Bochum: Halber Aufsichtsrat um Boss Werner Altegoer zurückgetreten, Frank Goosen aber gewählt derwesten.de: VfL-Chef Altegoer stiftet mit Rücktritt Chaos derwesten.de: Altegoers Rücktritt „köhlermäßig“ ruhrnachrichten.de: Werner Altegoer hört auf Tweet […]

  3. Ich sag´s ja ungern: Aber im Großen und Ganzen ein sehr guter Kommentar.. 😉

  4. […] Gefallen getan. Andreas Wiemers, einer der Initiatoren von “Wir sind VfL”, schreibt in einem Blogbeitrag zum Verlauf der Jahreshauptversammlung: Es stimmt bedenklich, dass die Mitglieder zu dem Instrument […]

  5. Kompliment für einen sehr treffenden Kommentar. ich hoffe sehr, dass die neue Vereinsführung die begonnene konstruktive Zusammenarbeit mit der Initiative weiterführt und entsprechend kommuniziert.

  6. Ich sag es gern: Ein sehr zutreffender Kommentar. Wer dabei war und die Ohren offen hatte, wird das bestätigen. Vielleicht noch als Ergänzung:
    a) Scheinbar versuchen einige , die gar nix verstanden haben, die Sache der Initiative Wir sind VFL, in die Schuhe zu schieben. Das ist Blödsinn. Angeheizt wurde das durch anonyme Rufer, die sich nicht dem Mikrofon gestellt haben.
    b) Die Gremien des VFL haben schon bemerken müssen, das viele der Mitglieder Pflichten und Rechte in einem e.V. gar nicht kennen. Und viele der „Mitläufer-Nein-Sager“ wussten gar nicht wogegen sie gestimmt haben. Das hätte vor der Abstimmung klar deutlich gemacht werden müssen. Dazu also einen schönen Gruß an Herrn Wieschermann: Da haben keine Aktionäre gesessen sondern Mitglieder.

  7. […] Goosen schreibt hat aus meiner Sicht3 wirklich Hand und Fuß. Da muss ich mich dem Urteil eines Anhänger des VfL Bochums anschließen, der Goosens Auftritt auf der Jahreshauptversammlung wie folgt kommentierte: Wer […]

  8. […] und fest Dem Chris sein Blog: Wenn man weiß, wer Schuld hat… ist alles gut. Andreas Wiemers: Alea iacta est Tom MacGregor: Chantalle, gib dem Kevin sein Nintendo zurück! 1848: Der Pöbel hat gewonnen 1848: […]


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