Verfasst von: Andreas Wiemers | 2. November 2010

Der Westen ist einsam!

Der VfL Bochum 1848 ist nicht mehr wieder zu erkennen. Er schafft weder Identifikation, noch wird er seinen im Leitbild formulierten Ansprüchen gerecht. Der VfL 2010 ist beugsam, unprofessionell, entfernt von den Fans, langweilig und der Tradition sieht sich allenfalls noch jener Haufen von Fans verpflichtet, die trotz magerer Fußballkost immer noch Anne Castroper pilgern, um sich mindestens alle zwei Wochen die Laune verderben zu lassen. Was als großer Wurf des ehemaligen Sportvorstandes Stefan Kuntz und des ehemaligen Pressesprecher Christian Gruber beim VfL Bochum 1848 mit dem Leitbild begann, fällt dem Verein nach deren Weggang nun immer mehr auf die Füße.

Selbstverständlich prägt niemand die Umsetzung und Wahrnehmung des Leitbildes sowie das Selbstverständnis des VfL so, wie die Mannschaft auf dem Platz. Zu deren sportlichen Entwicklung bzw. Niedergang wurde in den letzten Jahren immer wieder zu Recht das gleiche niedergeschrieben, analysiert und gemahnt. Obwohl selbst Horaz wusste, dass Wiederholungen nicht gefallen, bleiben die stets wiederkehrenden kritischen Stimmen dennoch blau-weiße Realität. Gefühlt kriegt man als Fan die schlechteste VfL-Mannschaft seit 40 Jahren präsentiert. Und die nackten Zahlen unterstreichen dieses Gefühl. Mit dreizehn Punkten aus zehn Spielen versinkt der VfL im Mittelmaß der 2. Bundesliga. Er wirkt so bieder und so grau wie jene Maus, die das Bild des einst stolzen Ruhrgebietsvereins über Jahre in der öffentlichen Wahrnehmung geprägt hat.

Doch die Verantwortlichen ziehen keine Konsequenzen aus dem Niedergang ihres (?) Vereins. Niemand übernimmt wirklich die Verantwortung für die sportliche Talfahrt, die offenbar immer noch kein Ende gefunden hat. Jene, die für den unglücklich agierenden Sportvorstand und die Kaderzusammenstellung mit verantwortlich sind, klebten an ihren Funktionen und sehnten sich nach Ruhe im Verein. Ein Abstieg, dem keine schonungslose und von Selbstkritik bestimmte Analyse folgte, wird allenfalls als unglücklich und dämlich eingestuft. Selbst eine unglaubliche Anzahl von Gegenstimmen bei der Entlastung des Vorstandes auf der Jahreshauptversammlung förderte nicht das Umdenken beim VfL. Stattdessen wird an einem Sportvorstand festgehalten, der nur dank der Arbeit seines Kollegen Finanzvorstandes überhaupt entlastet wurde.

So lernt man als Mitglied, dass allenfalls Nicht-Entlastungen beim VfL Bochum dazu führen, dass personelle Konsequenzen gezogen werden, Veränderungen möglich werden und sich der Kleber an den Stühlen löst. Sicherlich hat der Aufsichtsrat keine goldenen Löffel geklaut, aber er trägt als Organ federführend die Verantwortung für die Entwicklung des Vereins. Und insbesondere die sportliche Bilanz fällt seit drei Jahren kontinuierlich negativer aus. Auch dafür hat er die Quittung bekommen. Allerdings haben nicht alle im Jahr 2007 gewählte Aufsichtsratsmitglieder daraus Konsequenzen gezogen. Wenn man nach einem Musterbeispiel für mangelnde Erdung und Realitätsferne beim VfL Bochum sucht, wird man derzeit beim stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden fündig. Ausgerechnet der Stellvertreter des missbilligten Systems glaubt immer noch, eine Zukunft in diesem Verein zu haben und weiterhin dem Aufsichtsrat angehören zu können. Jene Person also, die als Stellvertreter Altegoers genauso viel Verantwortung für die Entwicklung des Vereins mitsamt den unglücklichen Personalentscheidungen und mangelnden Konzepten nebst Perspektiven trägt, will also weiterhin die Geschicke des Vereins lenken! Jene Person, die auf der Jahreshauptversammlung den Mitgliedern ein ungenügendes Demokratieverständnis attestierte, glaubt auch weiterhin das Vertrauen der Mitglieder zu genießen. Ja nee, is klar – würde vermutlich ein Comedian dazu sagen, der in seinem letzten Programm zur Revolution aufgerufen hatte…

Kein Wunder also, dass der übrig gebliebene Rest des 2007 gewählten Aufsichtsrates darum bemüht ist, Ruhe in den Verein zu kriegen. Denn so kann er vielleicht noch mit dem Strom der Erneuerung mitschwimmen. Aber der Verein braucht derzeit vieles. Nur keine Ruhe. Er braucht einen totalen Neuanfang. Sowohl in den Organen als auch auf dem Platz. Der erste Schritt muss zwangsläufig über die Organe kommen. Denn nur so können die Weichen in Richtung Neubeginn gestellt werden. Wenn also den Anno 2007 gewählten Aufsichtsratsmitgliedern tatsächlich etwas an ihrem (?) Verein liegt, sollten sie sofort ihre Funktionen zur Verfügung stellen und den Weg für neue Personen mit anderen Gedanken und Vorstellungen frei machen. Denn inzwischen dürfte jeder das aktuelle Bild des VfL leid sein. Die Zeit für einen Übergang in den Führungsgremien hat der VfL verpennt. Er braucht nun einen radikalen Neuanfang. Einen Neuanfang ohne Ballast aus der Vergangenheit.

Zu diesem Ballast gehört auch der Sportvorstand, der freiwillig gehen und nicht darauf warten sollte, rausgeschmissen zu werden und eine Abfindung zu kassieren. Es mag vielleicht sein, dass er die richtigen Ideen hatte. Aber in der Umsetzung war er lediglich stets bemüht. Wer die Karre dermaßen in den Dreck gefahren hat, sollte von sich aus jetzt aussteigen und das Lenkrad anderen überlassen. Ein Lenkrad, das bis zur Winterpause neu besetzt sein muss, um den aufgeblähten Kader zu reduzieren und so die Grundsteine für den personellen Neuanfang aufm Platz und den Aufstieg in der Saison 2011/12 zu legen.

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Responses

  1. Dem kann man leider nicht widersprechen. Ohne personelle Veränderungen können wir den Verein bald zu Grabe tragen. Vielleicht sollte man das symbolisch auch mal tun, drastische Bilder helfen ja manchmal auch…
    Ich frage mich langsam nur noch ob die entscheidenen Personen überhaupt mitbekommen was los ist. Überall wo es um den VfL geht, kann man den Unmut und die Angst der Fans sehen und hören. Wann werden wir nur endlich erhört?

  2. Sehr guter Kommentar ANdreas. Paßt wie die Faust auf´s Auge.

  3. An anderer Stelle hatte ich mal folgendes verfasst:

    „- keine Struktur
    – keine Strategie
    – kein Personal

    Das sind keine Probleme der Mannschaft und des Trainers. Der Auslöser dieser Probleme sind andere. Trainer und Spieler haben sich nicht selbst verpflichtet. Aber eine fehlende Vereinsstruktur, keine sichtbare Vereinsstrategie und das falsche Personal zeigen sich am ehesten auf dem Platz. Nur ein Leitbild hängt als einsames Fähnchen im Wind.“

    Die Leistungen auf dem Platz werden keine Ruhe bringen. Das ist auch gut so. Aufräumen, Umbauen, Durchstarten. Alles andere ist wie ein Pflaster auch einem offenen Beinbruch.

    Gruß
    Sven


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