Verfasst von: Andreas Wiemers | 10. November 2010

Innen alles neu?

Ernst-Otto Stüber, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Bochum, soll nun also zukünftig die Geschicke des Aufsichtsrates als dessen Vorsitzender lenken. Grundsätzlich ist gegen die Personalie erst einmal nichts einzuwenden. Denn für eine Moderationsphase im Übergang vom alten Aufsichtsrat hin zu einem personellen Neuanfang in eben jenem Gremium könnte Stüber sogar der geeignete Kandidat sein. Mehr kann man letztendlich aber aktuell noch nicht beurteilen, da man weder den Anspruch Stübers an seine neue Funktion kennt, noch weiß, in welche Richtung er die Arbeit des Aufsichtsrates und die Geschicke des Vereins zukünftig lenken will. Eine Möglichkeit mit Stüber ausführlich über Perspektiven zu diskutieren, wäre sicherlich die Konferenz der Fan-Initiative „Wir sind VfL“ am 23. November um 19:30 Uhr im riff, bei der Herr Stüber als Diskussionspartner ein überaus gern gesehener Gast wäre.

Gänzlich unabhängig von der Personalie Stüber sind allerdings Fakten zu betrachten, die offensichtlich geschaffen werden sollen. Zum einen irritiert die Selbstverständlichkeit, mit der diverse Medien die Nachwahl per Blockwahl als einzig mögliches Wahlverfahren bestimmen. Doch sieht die Satzung des VfL Bochum 1848 dies nicht zwangsläufig als Wahlverfahren vor. Denn § 18 1. a) der Vereinssatzung besagt lediglich:

„Fünf ordentliche Mitglieder des Aufsichtsrates werden von der Mitgliederversammlung aufgrund von durch den Wahlausschuss der Mitgliederversammlung zu unterbreitenden Vorschlägen gewählt. Diese müssen Mitglieder des Vereins sein. Sie werden en bloc gewählt. Scheidet eines dieser Mitglieder im Verlaufe der Amtszeit aus und wird dadurch der Aufsichtsrat beschlussunfähig, hat der verbleibende Aufsichtsrat eine außerordentliche Jahreshauptversammlung zum Zwecke der Nachwahl einzuberufen.“

Strittig ist dabei, ob sich das Blockwahlverfahren nur auf die Wahl der fünf ordentlichen Mitglieder bezieht und keine Anwendung bei einer Nachwahl findet. Denn für den Fall der Nachwahl beinhaltet die Vereinssatzung eine Regelungslücke und lässt Raum für Interpretationen. Allen voran die Konkretisierung „Sie“ werden en bloc gewählt, kann bedeuten, dass diese Regelung nur für die fünf Jahre gewählten zwingend gilt. Nicht aber für Nachwahlen, bei der wie vorliegend allenfalls drei Personen nachgewählt werden müssen.

Vielleicht mag es aktuell sogar triftige Gründe geben, die eine Blockwahl unter gewissen Umständen rechtfertigen könnten. Und vielleicht könnten auch Blockwahlkritiker für eine Blocknachwahl Verständnis aufbringen, wenn dieses Verfahren vorab diskutiert und auch begründet wird. Aber die Selbstverständlichkeit mit der hier Fakten geschaffen werden sollen, ruft definitiv Skepsis hervor, ob die hausgemachten Probleme beim VfL tatsächlich verstanden wurden. Denn eines der größten Mängel beim VfL besteht im Kommunikationsdefizit zwischen dem Verein einerseits und Mitgliedern und Fans andererseits. Es fehlt schlichtweg an einem Diskurs, der die Interessen beider Seite ernsthaft berücksichtigt. Es fehlt an einem Diskurs, der Fans und Mitglieder allen voran in strittigen Themen mit nimmt.

Unabhängig von der Personalie Stüber und den ebenfalls als gewählte Aufsichtsratsmitglieder ins Gespräch gebrachten Bernd Wilmert (Stadtwerke Bochum) und Hans-Peter Villis (EnBW) – gegen die im Grunde auch in dieser Funktion nichts einzuwenden ist – muss ebenso die Tatsache betrachtet werden, dass somit das Kontingent der freien Aufsichtsratsplätze erschöpft wäre. Sollte also dieses Paket bereit für eine Kandidatur sein und weitere Kandidaturen beim VfL Bochum 1848 eingehen – wovon auszugehen ist -, wird aus dem Wahlausschuss, der laut Satzung der Mitgliederversammlung die Kandidaten für Aufsichtsrat vorschlägt, ein Selektionsausschuss. Sprich drei von 2.400 (?) Mitgliedern bestimmen, wer letztendlich gewähltes Mitglied im Aufsichtsrat des VfL Bochum sein soll – und wer nicht. Sicherlich sind diese drei Personen durch die Jahreshauptversammlung legitimiert, gleichwohl muss vor diesem Hintergrund das außerordentliche Gewicht des Wahlausschusses in der anstehenden Satzungsdiskussion kritisch hinterfragt werden. In der aktuellen Situation bindet sich der VfL auf jeden Fall einen Klotz namens kontroverse Diskussionen auf der Mitgliederversammlung ans Bein, die durch den Wahlausschuss abgelehnte Kandidaturen zwangsläufig mit sich bringen. Daher wäre es bei einer Vielzahl von Kandidaten in der aktuellen Situation am sinnvollsten, wenn der Wahlausschuss der Mitgliederversammlung drei Personen empfiehlt und gleichzeitig alle Kandidaturen zulässt – sofern keine triftigen Gründe gegen Einzelpersonen vorliegen.

Ebenso unabhängig von der Personalie Stüber ruft es befremden hervor, wenn der VfL Bochum auf seiner Webseite verkündet:

Die Mitglieder des Wahlausschusses des VfL Bochum 1848 sind weiterhin intensiv mit der Auswahl geeigneter Kandidaten für den Aufsichtsrat des Vereins beschäftigt. Im Rahmen dieser Suche ist Ernst-Otto Stüber angesprochen worden.

Denn auf Nachfrage bei einem Mitglied des Wahlausschusses wurde klar, dass keineswegs alle Mitglieder des Wahlausschusses intensiv mit der Auswahl geeigneter Kandidaten beschäftigt sind und Stüber angesprochen haben. Allenfalls 2/3 (oder vielleicht sogar nur 1/3?) der Mitglieder des Wahlausschusses waren und sind derzeit an diesem Prozess beteiligt. Es stimmt bedenklich, dass man in einem von der Jahreshauptversammlung gewähltem Gremium von drei Personen offenbar nicht auf Augenhöhe miteinander umgeht, kommuniziert und Informationen teilt. Gerade wenn dem Wahlausschuss in der Frage der Besetzung des höchsten Vereinsorgans eine derart eine entscheidende Bedeutung zu kommt, sollten dessen Mitglieder gleichberechtigt miteinander umgehen und einen ständigen Informationsfluss untereinander gewährleisten. Nur so kann der Wahlausschuss dem Auftrag der Mitglieder ansatzweise gerecht werden. Es spricht ja nichts dagegen, dass einzelne Wahlausschuss-Mitglieder von sich aus Personen ansprechen und diese für eine Kandidatur gewinnen. Es spricht aber etwas dagegen, wenn andere Wahlausschuss-Mitglieder vom Agieren der Kollegen erst durch die Medien erfahren.

Stüber hat sich gegenüber der WAZ zu einem „transparenten und offenen Weg“ bekannt. Das ist lobenswert und zu begrüßen. Es wäre allerdings wünschenswert, wenn dieser Weg von den Akteuren bereits jetzt eingeschlagen wird, man Lehren aus der Jahreshauptversammlung zieht und keinen weiteren Zündstoff für die außerordentliche Mitgliederversammlung liefert. Und eine dieser Lehren sollte eigentlich lauten, dass die Zeit der Hinterzimmerabsprachen und vorgegebenen, nicht zu diskutierenden Pfade vorbei ist. Beim VfL Bochum kann innen alles neu werden. Nur muss die Bereitschaft dafür steigen!

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