Verfasst von: Andreas Wiemers | 20. November 2010

O Hermann, Where Art Thou?

Wer dachte mit der permanenten Korrektur der sportlichen Ziele nach unten wäre der sportliche Niedergang des VfL Bochum 1848 bereits beschrieben, musste sich heute wieder einmal eines besseren belehren lassen. Mit 1:4 lies sich der VfL zu Hause vom Tabellenvorletzten der Schweineliga deklassieren.

Die nur noch 9.609 Zuschauer, den Rest hat man bereits vergrault, bekamen einen VfL zu sehen, der seinesgleichen sucht. Seit Einführung des Profifußballs dürfte es in Bochum keine dermaßen schlechten elf Einzelspieler gegeben haben, die versuchen gemeinsam in den Farben des VfL aufzulaufen. Dem alten Aufsichtsrat und dem amtierenden Sportvorstand darf man zu diesem einzigartigen Ergebnis gratulieren: Noch nie gab es in der Vereinsgeschichte eine ähnlich charakterarme und fußballerisch limitierte Mannschaft wie diese. Ein Resultat, worauf man als Verantwortlicher durchaus stolz sein kann! Denn so doof war in der langen VfL-Geschichte tatsächlich noch niemand. Man muss halt nur wissen, wie man aus der Geschichte herausragen und sich im Erinnerungsvermögen der VfL-Fans unsterblich machen kann! Koller, Ernst, Funkel, Aufsichtsrat: euer Platz in der Geschichte des VfL Bochum ist euch sicher. Glückwunsch dazu, nun könnt ihr aber endgültig alle gehen!

Schön wäre es dabei, wenn bei dieser Trennung auch jene Spieler gleich mitverschwinden, die mit dem VfL so viel am Hut haben, wie die Fans aus dem benachbarten westlichen und östlichen Umland. „Wir sind Bochumer und ihr nicht!“ war noch nie zuvor ein so zutreffender Schlachtruf, wie ihn diese Söldner in den blau-weißen Farben verdient haben. Pomadig und phlegmatisch verrichten Federico und Co. ihre wöchentliche Arbeitszeit von 90 Minuten in einem Verein, der einst von Charakterköpfen und Knochenbrechern geprägt wurde. Sicherlich kann man den kompletten Kader nicht dem amtierenden Sportvorstand ankreiden. Man kann und muss ihm allerdings ankreiden, dass er die faulen Eier nicht aussortiert hat. Statt auf einen Umbruch und Neuanfang nach dem Abstieg zu setzen, führte man die Arbeit mit jenen einzigartigen Trikotmodells fort, die den Karren in den Dreck gefahren hatten. Dass es anders geht, zeigt Mitabsteiger und Aufstiegsaspirant Hertha BSC Berlin. Lediglich in der Trainerfrage wandelt der VfL auf den Spuren der Hertha: man verpflichtete jenen Trainer, der mit den Berliner sang- und klanglos abgestiegen ist. Auch eine Form der Zukunftsgestaltung! Das nennt man dann wohl „Bochumer Modell“. Um die im Leitbild genannte Tradition zumindest ansatzweise mit Leben zu füllen, verpflichtet man einfach einen Trainer, der der Tradition verhaftet ist und mit modernen Fußball so viel am Hut hat, wie Bochum mit der Meisterschaft.

Während sich Sportvorstand, Trainer und Mannschaft in Ausreden Tag ein Tag aus überbieten, will man den Schuldigen an der Misere in den Fans gefunden haben. Es ist natürlich am einfachsten, den Niedergang in einem vermeintlich kritischen Publikum zu begründen. Es stehen ja auch nur besoffene Vollidioten in der Kurve und wenn die dann auch noch verlangen, dass sich die blau-weißen Osterhasen den Allerwertesten aufreißen, um in der Bundesliga zu spielen, ist das selbstverständlich zu viel verlangt. Das ist eine zu große Erwartungshaltung der Fans gegenüber Spielern, die lediglich die Bankverbindung mit dem VfL zusammenführt. Gleichzeitig muss man ihnen allen aber danken. Denn ohne ihr ständiges plumpes Wiederholen der Attacken gegen den eigenen Anhang, würde der VfL in der überregionalen Presse vermutlich gar nicht mehr stattfinden. Inzwischen glaubt diese Mär ganz Fußball-Deutschland. Ziel erreicht! Danke, dass Verein und Spieler ihre eigenen Fans in so ein Licht stellen bzw. wohlwissentlich stellen lassen! Wer dann noch Gegenliebe erwartet, lebt in einer anderen, in einer falschen Welt!

Vfl-Urgestein Hermann Gerland sagte kürzlich in einem Interview mit der ZEIT: „Fürs Streicheln sind die Freundinnen zuständig. Vielen jungen Spielern fehlt die Besessenheit.“ In Bochum ist das allerdings altersunabhängig. Besessenheit ist hier, wo man nach Niederlagen noch grinsend Interviews gibt, ein Schimpfwort! Es wird Zeit, dass endlich ein Umdenken in diesem Verein stattfindet. Es wird Zeit, dass der VfL Bochum wieder ein Verein wird, auf dem man stolz sein kann. Ein Verein, der besessen seine Ziele verfolgt. Notfalls auch in Liga 2. Und es wird Zeit, dass endgültig Platz für diesen Neuanfang und für eine neue Vision des VfL geschaffen wird:

Schütt raus!
Ernst raus!
Funkel raus!

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Responses

  1. Spricht mir aus der Seele. Es ist ja auch schon bezeichnend dass Spieler und Trainer ihren Mannschaftsbereich in der Rewirpowerlounge nur noch alibimäßig kurz besuchen und sofort wieder abhauen, wenn sie nicht gleich ganz wegbleiben. Auch intern wird bestätigt was jeder auf dem Platz sehen kann: In dieser „Mannschaft“ ist sich jeder selbst am nächsten. Die haben (Bönig ausgenommen) alle so wenig Motivation wie Ernst Charisma hat. Ich wollte es am Anfang nicht glauben, aber der Weggang von Kuntz hat die Katastrophe eingeleitet. Es ist zum Heulen! Ich hoffe am Dienstag kommen viele Fans, denn im Gegensatz zum Stadionbesuch lohnt sich das bestimmt.


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