Verfasst von: Andreas Wiemers | 24. November 2010

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Gleichgültigkeit ist vermutlich noch nicht das richtige Wort. Aber von einer großen Müdigkeit zu sprechen, macht schon Sinn, wenn in das weite Rund der immer sprachloser werdenden VfL-Fans geblickt wird. Selbst auf der gestrigen Fankonferenz wurde deutlich, dass inzwischen fast alles gesagt und gefragt wurde – wie immer nur noch nicht von jedem. Eigentlich notwendige Diskussionen über die Zukunft des Vereins, der Idee des Vereins von sich selbst und der Einbindung von Mitgliedern und Fans verlieren sich daher inzwischen oftmals im Kleinklein. Irgendwie trifft es dann doch zu, dass jeder ein kleiner Bundestrainer ist. Zumindest VfL-Coach. Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass die uninspirierenden Auftritte der Mannschaft den eigentlich sehr eloquenten Anhang des VfLs nahezu mundtot gemacht haben. Inzwischen wurde von Seiten der Fans alles getan: vom Platzsturm bis hin zur uneingeschränkten Solidarität. Inzwischen wurde auch alles gesagt: Es wurde gemahnt, gedroht, angefeuert und konzipiert. Auf fruchtbaren Boden stößt dies bei Mannschaft und Verein, die bisweilen noch nicht mal einen Schopf haben, um sich aus dem Sumpf zu ziehen bzw. ziehen zu lassen, allerdings nicht. Die Lustlosigkeit der Spieler auf dem Platz ist inzwischen auf das Umfeld übergeschwappt. Die Sprachlosigkeit der Spieler nach einer weiteren Niederlage hat die Fans angesteckt.

Allenfalls der Verein nimmt hin und wieder Kritik und Ideen auf. Dabei wirkt er allerdings stets wie ein Getriebener, der ohne Eigenelan immer wieder zu seinem Glück gezwungen werden muss. Im Grunde ist der VfL anno 2010 ein re-aktionärer Haufen, der allenfalls aktiv wird, wenn an diesem Schritt wirklich kein Weg mehr vorbei führt. All dies macht müde. So richtig müde. Der VfL mit seiner Vereinsführung, der Mannschaft, den Fans und Mitgliedern befindet sich inzwischen nicht einmal mehr in der Gefahr, an einem plötzlichen Herzinfarkt zu sterben. Stattdessen ist zu befürchten, dass der Verein von allen unbemerkt friedlich einschläft. Selbst bei mir machte sich am Samstag nach dem beschämenden „Auftritt“ gegen Ingolstadt der Gedanke breit, Mannschaft und Verein nicht mehr wecken zu wollen, und die geplante Fankonferenz abzusagen.

3. Fankonferenz von Wir sind VfL: Andreas Wiemers, Frank Goosen, Günter Bernhörster & Ralf Koyro. Bild: Sebastian Enste

3. Fankonferenz von Wir sind VfL: Andreas Wiemers, Frank Goosen, Günter Bernhörster & Ralf Koyro. Bild: Sebastian Enste

Aber gut, dass es nicht so kam. Denn eines wurde gestern erneut deutlich: All dem kann nur mit einem zeitnahen, konsequenten und radikalen Neuanfang entgegen gewirkt werden. Notwendig hierfür ist, dass die notwendig gewordene außerordentliche Mitgliederversammlung noch in diesem Jahr stattfindet. Dies wurde nicht nur im Vorfeld der Fankonferenz immer wieder angemahnt. Auch die Konferenz hat diese Erwartung formuliert. Denn dabei geht es inzwischen nicht mehr um ein Aufbruchsignal, das der Verein mit der Nachwahl aussenden könnte. Auch Weichenstellungen stehen in diesem Kontext nicht mehr zur Diskussion. Stattdessen muss der VfL-Zug nach Nirgendwo noch in diesem Jahr gestoppt werden. Den Nothalteknopf kann und muss allerdings der noch amtierende Aufsichtsrat schon jetzt drücken und sich unmittelbar vom aktuellen Sportvorstand trennen. Auch diese ernste Forderung schrieb die Fankonferenz dem Verein ins Aufgabenblatt. Nach dem die Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung mit der verweigerten Entlastung deutlich gemacht haben, dass sie einen Umbruch wollen, muss nun der Verein nachziehen und seinen Teil dazu beitragen. Fans und Mitglieder waren in diesem Fall Spielmacher. Die Vereinsführung muss nun beweisen, dass die Stürmerqualitäten hat.

Deutlich wurde auch, dass im Rahmen dieses Erneuerungsprozess keine Persilscheine mehr verteilt werden. Vor allem die nachzuwählenden Mitglieder des Aufsichtsrates müssen vor ihrer Wahl klar und deutlich benennen, welchen Beitrag sie für diesen Umbruch leisten können und wollen. Dabei erwartet niemand fertige Konzepte. Aber zu Recht kann und wird erwartet werden, dass die Richtung benannt wird. Auch einen Vertrauensvorschuss muss man sich verdienen. Wichtig wird es sein, dass der Verein in dem ganzen Prozess die Mitglieder mitnimmt und sie nicht wieder einmal vor vollendete Tatsachen stellt. Klar ist aber auch, dass die Zeit für geordnete Diskussionen fehlt, wenn man noch in diesem Jahr nachwählen lassen will. Daher könnte der Verein überlegen, interessierte Mitglieder zwei Stunden vor der eigentlichen Mitgliederversammlung zu einer Diskussion mit dem designierten kompletten neuen Aufsichtsrat einzuladen. So schafft man Transparenz, so nimmt man Leute mit und ermöglicht eine Aussprache, die nicht im Rahmen der eigentlichen Mitgliederversammlung geführt werden sollte.

Am Ende eines Jahres des beispiellosen sportlichen Niedergangs und einer massiven Entfremdung zwischen Verein und Fans führen für den VfL nicht mehr alle Wege nach Rom. Ihm bleibt nur noch ein Weg offen und man kann nur hoffen, dass er den Mut hat, diesen Weg zu beschreiten. Andernfalls muss die Grußformel „Glückauf“ durch „Gute Nacht!“ ersetzt werden.

Dazu auch:
Ruhr Nachrichten:
Nachwahl des Aufsichtsrates beim VfL Bochum soll noch 2010 über die Bühne gehen
1848:
Zwischen Revolte und Lethargie – zwischen Hoffen und Bangen
WAZ:
„3. Fan-Treffen: Geisterfahrt stoppen“
WDR:
Fans fordern schnellen Umbruch
Wir sind VfL:
VfL Bochum muss Erneuerungsprozess schnellstens einleiten

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