Verfasst von: Andreas Wiemers | 20. Februar 2011

Westfälischer Friede

Wirft man nach dem ungefährdeten 2:0-Heimsieg gegen die Fortuna aus dem Dorf einen Blick in die virtuelle Parallelwelt namens Fan-Foren, fühlt man sich direkt an Hornbys Grundzustandsbeschreibung eines jeden Fußballfans erinnert: bittere Enttäuschung – egal wie es steht! Denn obwohl der VfL Bochum 1848 nunmehr seit zehn Spielen ungeschlagen ist, von diesen neun gewonnen hat und den erhofften Aufstieg selbst in der Hand hat, echauffiert sich manch blau-weiße Fanseele, im Ruhrstadion keinen Zauberfußball à la Barcelona oder Arsenal sehen zu bekommen. Einigen reicht es offenbar nicht aus, ein Spiel über 90 Minuten zu dominieren, kaum gegnerische Chancen zu zulassen und eine Mannschaft zu sehen, die wieder aus elf Freunden besteht und gemeinsam für den sechsten direkten Wiederaufstieg kämpft. Selbst ein weiteres Traumtor von Neu- bzw. Ausleihzugang Ümit Korkmaz kommt nicht gegen den Wunsch an, in Bochum eine Heimmannschaft zu sehen, die den Gegner an die Wand spielt und zweistellig nach Hause schickt. Sicherlich ein schöner Gedanke. Aber wenn ich schönen Fußball sehen will, schau ich Champions-League. Für alles andere gibt es den VfL, der eigentlich nur gewinnen soll. Egal wie, egal wann und egal mit welchen Mitteln der entscheidende Treffer fällt.

Dass der eingeschlagene Weg des VfL allerdings mehrheitlich auf positive Resonanz stößt, wurde an den mehr als 24.000 Zuschauern deutlich, die endlich mal wieder Anne Castroper pilgerten und für eine erstligareife Kulisse in der Schweineliga sorgten. Offenbar hat die vorangegangene Serie einen Teil dazu beigetragen, dass die Fans wieder mehrheitlich ihren Frieden mit der Mannschaft geschlossen haben und die Entwicklung honorieren. Und in diesem Zusammenhang ist mir eine überfüllte, gruppenkuschelnde Ostkurve deutlich lieber als 8.000, die frierend durch die Nacht pfeifen.

Von diesem neuen Frieden profitiert allen voran der ehemalige Bochumer Prügelknabe Marcel Maltritz, der sich mit ansprechenden Leistungen den verloren gegangen menschlichen und sportlichen Respekt der Anhänger wieder hart erarbeitet. Obgleich es in der Kurve nach wie vor vereinzelte Personen gibt, für die der Ex-Kapitän persona non grata ist und die Entscheidung, den Elfmeter auszuführen mit Pfiffen begleiteten, gab die Mehrheit die Fans mit Maltritz-Sprechchören die richtige Antwort auf diese wenigen Pfiffe.

Die Einheit auf dem Platz wächst also wieder mit der Einheit auf den Steh- bzw. Sitzplätzen zusammen. Denn so ausgelassen wie am Freitagabend hat weder die Mannschaft selbst, noch Fans und Mannschaft gemeinsam in den zurückliegenden Monaten einen Sieg gefeiert. Eine Allianz, die den VfL in den kommenden engen Aufstiegskampfwochen nur stärker machen kann.

Und auch abseits der sportlichen Entwicklung nimmt der westfälische Friedensprozess konkretere Formen an. Denn den Worten ließ der Verein nun Taten folgen und lädt am 9. April zum ersten Mitgliederforum ein. Dies ist nicht nur für den VfL eine völlig neuer Weg, er dürfte auch im Profifußball wenn nicht einmalig, dann zumindest äußerst selten sein. Es besteht also nicht nur eine leise, sondern berechtigte Hoffnung, dass die blau-weiße Krise im Jahr 2010 kein Tiefpunkt in der Vereinsgeschichte, sondern ein dringend notwendiger Wendepunkt war. Ein Wendepunkt, der eine neue Form des Zusammenhaltes im Verein schaffen kann, der auch in Krisensituation das Band zwischen Vereinsführung, Mannschaft und Fans stabiler machen kann.

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