Verfasst von: Andreas Wiemers | 14. März 2011

The agony of victory

Impressionen vom TomNach dem auch der Braunkohletagebau auf dem Weg des Regionalexpresses in Richtung Aachen passiert war, offenbarte sich dem geneigten VfL-Auswärtsfahrer eine andere Welt. Fernab der Schwerindustrie wirkte die mittelalterliche Garnisons- bzw. Kaiserstadt, die nach Auffassung des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden jeder toll finden kann, wie ein Paralleluniversum. Alles schien dort sauber, pittoresker und auch die Menschen am Rande Belgiens haben einen anderen Schlag als jene aus der Welt rauchender Schlote. Zum einen scheint der Beinahe-Belgier ein wenig kleiner zu sein als der Mensch aus dem tiefen Westen. Denn die niedrigen Balken auf dem Weg in die so genannte „Tropfsteinhöhle“ diverser beschaulicher Kneipen, die östlich des Rheins einfach nur Klo heißt, waren für manchen Kopf eine Hürde, die sich nicht ohne Kontaktaufnahme überwinden ließ. Auch in seiner Ausdrucksweise unterscheidet sich der Schwarz-Gelbe klar vom VfL-Fanadel. Denn in Bochum würde vermutlich niemand eine mit Fanschals und Trikots ausgestattete und nach Bier lechzende Horde fragen, ob denn „ihr bevorzugter Verein heute in der Stadt spielt?“. Aber irgendwie passt das alles in eine Welt, wo man selbst unter Pferdestatuen einen Einkaufswagen schiebt, um eventuell fallende Äpfel zu sammeln. Ähnlich surreal wirkte auch das Aachener Publikum, das vermeintlich zahlreich und bunt erschienen war, dafür aber umso leiser dem Spielgeschehen folgte. Schnell machten Gerüchte die Runde, der gegnerische Kuttenträger sei lediglich eine aufgemalte Collage. Einzig und allein eine kleine, ständig hüpfende Gruppe im Zentrum dieses schwarz-gelbes Gemäldes erweckte den Eindruck, es vielleicht doch mit einem lebendigen Gegenüber zu tun zu haben. Schon phänomenal, was 3D-Technik heutzutage alles kann…

Letztendlich war es also konsequent, dass sich Mimoun Azaouagh als Erster in der 15. Spielminute von dieser bizarren Scheinwelt mit ihrem hohen künstlerischen Anspruch inspirieren ließ und einen Schuss aus dem Fußgelenk zauberte, der vermutlich auch nicht von dieser Welt war und unhaltbar im Fangnetz von Latte und Pfosten versank. Was bis zum Halbzeitpfiff folgte, war dann allerdings wieder bitterböse Bochumer Realität, in der es an Konsequenz und Wachsamkeit nach einem Führungstreffer fehlte und so Aachen aus dem Nichts den Ausgleich ermöglicht wurde.

Während der Kaffee in der Halbzeitpause nicht nur die Lebensgeister mancher VfL-Fans, sondern auch der VfL-Spieler weckte, muss Schiedsrichter Dr. Felix Brych in der fünfzehnminütigen Auszeit Mittelchen konsumiert haben, die ihn in eine entrückte Welt entführten. Denn nach dem Ümit Korkmaz in der 55. Minute wieder für klare Verhältnisse sorgte und den VfL erneut in Führung brachte, wollte der Doktor angesichts Dom, Rathaus, diverser Brunnen und Statuen offenbar nicht nur eine Fußnote in der Aachener Geschichte sein und zeigte zum Entsetzen und Unverständnis aller Blau-Weißen binnen 120 Sekunden zwei Mal auf den Punkt im Bochumer Strafraum. Doch Brych hatte seine Rechnung ohne VfL-Keeper Andreas Luthe gemacht, der Elfmeterversuch eins souverän parierte und bei dem zweiten Versuch den Ball mit hypnotischem Blick an die Latte lenkte. Das war dann allerdings auch Dr. Brych alles zu dumm und schickte daher einen der Aachener Taugenichtse in der 73. Minute erst mal zum Duschen. Darauf reagierte auch VfL-Chefcoach Friedhelm Funkel, der allerdings nicht auf Defensive setzte, sondern mit Zlatko Dedic und Giovanni Federico zu meiner großen Freude zwei Offensivspieler brachte. Vom schlechten Gewissen dann doch ein wenig geplagt, zeigte der gute Onkel Doktor in der 85. Minute noch einmal auf den Punkt. Dieses Mal allerdings in der gegnerischen Hälfte und Marcel Maltritz zeigte den staunenden schwarz-gelben Spielern, wie Elfmeter versenkt werden. Es ist zu vermuten, dass Aachens Zappelphilipp Hyballa diese Fernsehaufnahme nun in das Standardprogramm seiner Lehrvideos integriert.

Was nach dem 3:1-Sieg im Aachener Elfmeterschießen bleibt, ist die Gewissheit, endlich wieder einen Torhüter im Kasten stehen zu haben, dessen Strafraumbeherrschung ein wenig an den holländischen Gott erinnert und mit Aza einen Spieler sein Eigen nennen kann, der – so er den Kopf rechtzeitig hebt – über Sieg oder Unentschieden der eigenen Mannschaft entscheidet. Dreizehn Spiele in Folge ist der VfL Bochum 1848 nun ungeschlagen. Es folgt das 6-Punkte-Spiel gegen die Lausitzer zu Hause unterm Flutlichtmasten. Doch angst und bange ist mir zumindest nicht mehr. Denn wer solche Spiele wie das gestrige gewinnt, der steigt auch auf. Basta!

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