Verfasst von: Andreas Wiemers | 8. Mai 2011

8. Mai – Tag der Befreiung

Offenbar müssen die VfL-Cheftrainer Friedhelm Funkel unterstellten Mannen große Fans von Alfred Hitchcock oder Agatha Christie sein. Denn was sie dem eigenen Anhang bisweilen zumuten, ist an Nervenkitzel nicht zu überbieten und lässt sich in der Form allenfalls in Krimis erfinden. Bevor man allerdings Giovanni Federico zum 0:1 in der 23. Spielminute gratulieren darf, muss man erst mal Kevin Vogt gute Genesungswünsche übermitteln, der mit Verdacht auf Kreuzbandriss bereits in der 6. Minute das Spielfeld für Federico verlassen musste.

Doch wieder einmal schaffte es der VfL nicht, aus der Führung Kapital zu schlagen. Stattdessen ließ man die abstiegsbedrohte Bremer Brücke das Commando übernehmen und versuchte sich in Passivität, die nicht etwa in erfolgreiche Konter mündete, sondern zu mehr Chancen der lila-weißen führte. Bisweilen konnten sich die 16.200 Zuschauer verwirrt die Augen reiben und fragen, welcher dieser beiden VfLs nun gegen den Abstieg und welcher um den Aufstieg kämpft. Zu eklatant war die spielerische Schwäche, die der einzig wahre VfL einmal mehr an den Tag legte.

So kam es wie es kommen musste: Während es in Augsburg noch Unentschieden stand und Fürth den Blau-Weißen auf der Pelle blieb, erkämpfte der lila-weiße VfL das 1:1, um das die blau-weißen VfLer gebettelt hatten. Da Augsburg zwischenzeitlich das 2:1 markierte (Glückwunsch zum Aufstieg) und Fürth seine Hausaufgabe machte, sah sich der VfL in der 82. Minute plötzlich fernab von Platz 2 auf dem undankbaren Platz 4 wieder. Doch dann kam die Minute eines VfL-Spielers, der eigentlich viel wenig Respekt erfährt. Magic Maltritz, der ehemalige Buhmann im VfL-Kader, der seit Wochen in der Defensive seinen Mann steht und kämpft -und dafür auch im Ruhrstadion endlich einmal die Anerkennung erhalten sollte, erzielte in der Nachspielzeit den überlebenswichtigen und viel umjubelten 2:1-Führungstreffer. Was in den Sekunden danach geschah und wer auf mir, der ich in der Horizontalen mit dem Kopf zum Spielfeld auf dem Rücken liegend das 2:1 feierte, lag, werde ich vermutlich schneller vergessen haben als mein Rücken und meine Schulter. Dass Mahir Saglik zwei Minuten später noch das 3:1 erzielte, ging im erlösenden Jubel des blau-weißen Anhangs nahezu unter. Was danach geschah, war einfach nur noch eine von Erleichterung geprägte blau-weiße Party an der Bremer Brücke, die die Chance auf den Relegationsplatz wie den Aufstieg zelebrierte. Dass es in dieser Situation trotz drohgebärdender Polizeipräsenz ruhig blieb, ist vor allem der Mannschaft, die mit ihren Anhängern feiern wollte, und den Capos zu verdanken, die den aufgeputschten VfL-Anhang beruhigten. Der VfL hat es nun mehr immer noch selbst in der Hand, sich via Relegation selbst aus der zweiten Liga zu befreien. Und auch wenn der VfL spielerisch nicht überzeugt, dessen Effizienz sollte auch Wolfsburg, Gladbach oder Frankfurt Angst machen!

Dass der 8. Mai allerdings nicht für alle unbedingt ein Tag der Befreiung ist, bewiesen leider mal wieder die uniformierten Ordnungshüter. Wähnte man in dem Alpha Industries-Shirt tragenden Zivilbeamten seinen persönlichen Höhepunkt des Tages, übertraf die uniformierte Zugbegleitung doch noch alle Erwartungen. Während man die Personalien eines VfL-Fans aufnahm, der vom Schaffner völlig zu Recht eine Entschuldigung einforderte, weil dieser dessen Freundin ordentlich auf den Füßen rumstampfte, „überhörte“ die Ordnungsmacht, die zwei Reihen weiter als wir standen, „bewusst“ (?) „Deutschland den Deutschen“-Rufe, die eine Einzelperson aus Bochum-Stadtmitte absonderte. Darauf angesprochen teilte der Uniformierte mit, dass er nicht gehört habe, was der restliche Zug vernommen hat. Vielleicht mag sein Gehör durch das Schusswaffen-Training beschädigt sein, dennoch ist leider ein wenig klarer, dass die wehrhafte Demokratie an der Uniform bisweilen ihre Grenzen findet…

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Responses

  1. > …„Deutschland den Deutschen“-Rufe, die eine Einzelperson aus Bochum-Stadtmitte > absonderte.

    Ja, das ist leider keine Ausnahme. Beim Auswärtsspiel in Duisburg war es z.B. ganz besonders übel. Da riefen bei uns im Abteil des Entlastungszugs mehrere Leute die ganze Fahrt über Parolen wie „Juden Duisburg“, „Zigeuner Duisburg“ „Scheiß Kommunisten“, „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude“, „Bochum, du bist von Türken ganz grau“ und natürlich das U-Bahn-Lied. Es ist echt zum kotzen, wenn die Freude über einen Sieg unseres VfL durch so einen Scheiß regelmäßig getrübt wird. Blau-weiße und politisch rote Grüße!


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