Verfasst von: Andreas Wiemers | 23. Juli 2011

Das geheime Zusatzprotokoll

Nach dem Abschluss der sportlich nicht ganz so erfolgreichen, aber für das Gemeinschaftsgefühl zwischen Fans, Mannschaft und Verein sehr wichtigen zurückliegenden Saison, wollten die Verantwortlichen um den Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst-Otto Stüber die „gute Stimmung, die im und rund um den Verein herrscht, einfach nutzen„. Abgesehen von sportlichen Aspekten wird dies auch was die neue Vereinssatzung, Wünsche aus dem Mitgliederforum usw. betrifft, tatsächlich in Angriff genommen und umgesetzt – wie der aktuellen Ausgabe von „Mein VfL“ entnommen werden kann. Allerdings ist entscheidend für die Stimmung in und um den Verein, was unten auf dem Rasen geboten wird. Und was der blau-weiße Kuttenträger in dieser Saison bislang geboten bekommen hat, reicht bei weitem nicht aus, um die positive Grundstimmung lange am Leben zu erhalten.

Spätestens seit Nick Hornbys Fever Pitch ist zwar hinlänglich bekannt, dass der natürliche Grundzustand des Fußballfans bittere Enttäuschung ist – egal wie es steht, doch für einen VfL-Fan stellt sich dieser Grundzustand auch ohne Ergebnis ein. Es reicht bisweilen schon aus, sich die Startformation der eigenen Mannschaft vor Augen zu führen. Denn im ersten Heimspiel der Ehrenrunde in der Schweineliga schickte Cheftrainer Friedhelm Funkel gegen den FSV Frankfurt – einem Verein, der zweifellos gegen den Abstieg spielen wird – mit Christoph Dabrowski, Andreas Johansson und Kevin Vogt drei gelernte 6er von Beginn an aufs Feld, deren Defensivqualitäten weit besser ausgeprägt sind als ihre Offensivfähigkeiten. Dazu gesellte sich mit Mirkan Aydin mal wieder nur ein Stürmer in der blau-weißen Startelf, was alles in allem auf ein wahres „Offensivfeuerwerk“ hindeutete. Offenbar hat Funkel eine Konsequenz daraus gezogen, dass auch die schlechte Tordifferenz ein Grund war, warum der VfL Bochum 1848 in der zurückliegenden Saison nicht aufgestiegen ist…

Wenn schon nicht zu erwarten war, dass der VfL sich Chance um Chance erarbeitet, so hätte man doch davon ausgehen können, zumindest mit dieser defensiven Grundausrichtung sattelfest in der Abwehr zu stehen. Doch auch das Bochumer Defensivkollektiv ermöglichte den couragiert auftretenden Hessen beste Torchancen und konnte sich wieder einmal bei Andreas Luthe – der freundlicherweise nun schon im dritten Spiel in Folge in Grün auflief – bedanken, dass man nicht einem Rückstand hinter her rennen musste. Mit Blick auf die fast mitleidserregenden Angriffsversuche des VfL konnte man nur froh sein, dass der VfL nicht zwei Tore schießen musste, um das Spiel für sich zu entscheiden und um die ersten drei Punkte auf dem Konto verbuchen zu können. Erst als Funkel auch einsah, dass mit seiner Taktik und Aufstellung kein Blumentopf zu gewinnen ist und er mit Giovanni Federico, Daniel Ginczek und Christoph Kramer drei Spieler einwechselte, die zumindest wissen, wo das gegnerische Tor steht, wie man den Ball in diese Richtung spielt und auch noch im Netz versenkt, lebte das biedere VfL-Spiel auf. Es spricht für sich, dass alle drei Eingewechselten an dem erlösenden 1:0 in der 88. Minute durch Ginczek direkt beteiligt waren. Und es bleibt zu hoffen, dass nun auch Funkel abgespeichert hat, dass zwei Stürmer und mindestens ein Mittelfeldspieler mit Offensivqualitäten durchaus ihre Daseinsberechtigungen unter den elf Aktiven auf dem Platz haben. Alles andere ist nur noch schwer erträglich und macht einfach keinen Spaß mehr.

Allerdings kann man das ganze auch verschwörungstheoretisch betrachten und ein System dahinter entdecken: Denn inzwischen ist ja bekannt, dass der VfL nicht nur mit Spielern leistungsbezogene Verträge abschließt, sondern auch Sponsoren mit dem VfL leistungsbezogene Verträge aushandeln. Insofern ist zu vermuten, dass auch die örtliche Brauerei als Premiumpartner dem armen VfL in einem geheimen Zusatzprotokoll vertraglich geknebelt hat, seinen Fans unansehnlichen Fußball offerieren zu müssen, damit diese dazu gezwungen sind, sich das Spiel mit dem überaus köstlichen Gerstensaft schön zu saufen und so den Absatz steigern. Insofern können Funkel und seine Vorgänge (allen voran dieser Schweizer!) selbst wenn sie es wollten, gar kein Offensivspektakel im Ruhrstadion abfackeln. Ergo hat sich jeder Fan und notorische Nörgler für seine Kritik an System, Ausrichtung und Spielermaterial bei den in enge vertragliche Korsetts gequetschten Trainern zu entschuldigen! Aber zackig!

Was war sonst noch? Ach ja: Danke für Idee und Umsetzung einer Gedenkchoreo für Ottokar Wüst, die solch bewegende Bilder produziert hat, liebe Ultras:

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