Verfasst von: Andreas Wiemers | 2. August 2011

Wendtscher Reflex

Ob der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, bei Iwan Pawlow zur Schule gegangen ist, ist zwar historisch fragwürdig, allerdings erwecken die reflexhaften Verhaltensweisen des „Gewerkschafters“ schon den Eindruck, als sei er bestens konditioniert. Denn gebetsmühlenartig nimmt Wendt jedes, aber auch wirklich jedes Ereignis zum Anlass, um seine Forderungen nach einem Alkoholverbot in Fußballstadien und auf den Anreisewegen der nicht-interessierten Öffentlichkeit in das Bewusstsein einzutrichtern und vor der vermeintlichen Chaos-Liga namens 2. Bundesliga zu warnen. Sei es die Veröffentlichung von Bundesliga-Spielplänen, dem Ligaauftakt oder Hooligan-Ausschreitungen bei Pokalspielen. Sofort ist Wendt zur Stelle und verkündet sein Dogma. Unterstützt wird er dabei von konservativen Politikern wie dem hessischen Innenminister Boris Rhein und von dem Kollegen Jörg Radek aus der GdP, die ebenfalls im Gerstensaft den Anfang allen Übels erspäht haben wollen.

Nun mag vielleicht niemand den Kollegen Wendt, der auch die Auffassung vertritt „Polizeiliche Einsatzmittel müssen Waffen sein, die weh tun, nur dann wirken sie“ und gegen Nazis demonstrierende Bundestagsvizepräsidenten als „personifizierte Beschädigung des Ansehens des deutschen Parlaments“ bezeichnet, niemand mehr so richtig ernst nehmen, allerdings überrascht es schon ein wenig, dass es Wendt doch immer wieder gelingt, seine populistischen Forderungen in der Berichterstattung über Fußball unterzubringen. Wahrscheinlich haben auch einige Medienvertreter gefallen an den Wendtschen Reflexen gefunden und folgen allzu gerne einem Lösungsweg, der auf den ersten Blick vielleicht plausibel klingen mag, aber dennoch wenig mit der Realität zu tun hat. So wird mit einem Halbsatz eine gesellschaftliche Entwicklung abgetan, die natürlich auch im Fußball ihren Widerhall findet, aber bei weitem nicht dessen Phänomen ist. So verweist der GdP-Vorsitzender Bernhard Witthaut in der Diskussion um Alkoholverbote im Umfeld von Fußballspielen auch gerne auf eine Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, wonach bei Gewalttaten gegen Polizisten der Täter in 70 Prozent der Fälle alkoholisiert war und die Zahl der Straftaten im Jahr 2010 gegen Polizisten auf 26.000 gestiegen sei. Erst auf Nachfrage gesteht er dann ein, dass diese Zahlen gesamtgesellschaftlich zu betrachten sind und nicht nur mit dem Fußball etwas zu tun haben. Netter Versuch, Herr Witthaut! Denn selbst wenn man die Gesamtzahl der Straftaten auf die Fußballspiele reduzieren würde, führe dies bei einem Zuschaueraufkommen im deutschen Profifußball von 17,33 Millionen Besuchern in der Saison 2010/11 zu einem Prozentsatz von 0,15 Prozent. Wird dies auf die 70 Prozent Alkoholisierten unter den 26.000 Straftaten gegen Uniformierte runter gerechnet, kommt man auf sage und schreibe 0,1 Prozent des gesamten Zuschaueraufkommens in der ersten und zweiten Bundesliga. Ein Schelm, wer daraus nicht direkt einen Krieg gegen die Staatsmacht und dessen Organe ableitet. Und Schuld allein ist der allseits bekannte Sanitäter in der Not.

Angesichts dessen macht es natürlich schon Sinn, Fans in Sippenhaft zu nehmen. Insbesondere dieses Alkohol trinkende Pack. Aber ansatzweise ist es aus Sicht von Rhein, Wendt und Witthaut schon nachvollziehbar, einer als Pöbel und Mob verschriehenen gesellschaftlichen Gruppe namens Fußballfans den schwarzen Peter zu zuschustern, die abgesehen von ihren eigenen Interessensvertretern über keine große gesellschaftliche Lobby verfügt. Da passt es natürlich in das Bild und bestens zur Wendtschen Stimmungsmache, wenn – wie beim Spiel des BFC Dynamo Berlin gegen den 1. FC Kaiserlautern in der ersten Runde des DFB-Pokals – Hooligans den Gästeblock entern, um das Erlebnis zu bekommen, weswegen sie überhaupt ins Stadion gekommen sind: Gewalt. Blöd ist nur, dass dieser asoziale Trupp vermutlich einen Blutalkoholwert hatte, mit dem man hierzulande sogar noch Autofahren darf. Denn wer sich wie diese Firma schlagen will, der betrinkt sich nicht vor und schon gar nicht während eines Fußballspiels. Mit großer Wahrscheinlichkeit spielt Alkohol sogar gar keine Rolle bei einer Gewalt suchenden Truppe. Dies gilt nicht nur bei Fußballspielen. Das gilt auch im öffentlichen Personennahverkehr, in Kneipen, auf der Straße und wo es sonst noch überall zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Aber es ist nun mal am einfachsten, eine gesellschaftliche Gewaltspirale auf Alkoholkonsum zurückzuführen anstatt tiefergehend den Ursachen dessen auf den Grund zu gehen. Einfache Lösungen waren schon immer willkommener.

Wer allerdings meint, mit dem Verbot von Alkohol einem Problem Herr zu werden, der kann den Opfern solcher Gewalttaten auch weiße Salbe aufstreichen. Beides bringt nichts. Denn jemand, der im Rahmen von Fußballspielen seine Gewaltexzesse ausleben will, den werden auch keine Alkoholverbote und keine fanfreundlichen Anstoßzeiten daran hindern. Und wer zum Ausleben dieser Exzesse Alkohol braucht, den wird auch dessen Verbot im Stadion und auf den Reisewegen nicht daran hindern, sich den entsprechenden Mut anzutrinken. Aber all diese Gedankengänge sind dann doch wahrscheinlich zu komplex für jene Herren, die Fußballspiele allenfalls hinter Überwachungsmonitoren, in VIP-Bereichen oder in den entsprechenden Nachberichten und Lageanalysen erleben und sich zumindest in NRW auf einen 10-Punkte-Plan berufen können, den die Exekutive nur leider nicht mit Leben füllt. Stattdessen sehen sie nur den vermeintlich durch Alkohol enthemmten Mob, den man auch gerne als Versuchskaninchen für modernste Überwachungs- und Erkennungsmethoden mißbrauchen kann. Der ist ja so blau, dass er dies noch nicht einmal mitbekommt…Winston Smith lässt grüßen!

Gleichwohl fragt man sich schon, wie Wendt & Co. einerseits über die massive Einsatzbelastung grün-weißer Truppen klagen können, während sie andererseits weitere Verbote einfordern, deren Ahndung eine zusätzliche Mehrbelastung für die Sheriffs mit sich bringt. Irgendwie macht das wenig Sinn. Und auch wenn es sein mag, dass die grün-weißen Schreibtischtäter die Auffassung vertreten, ihre uniformierten Einsatzkräfte wären ausgelastet, vermittelt die Praxis vielmehr den Eindruck, als seien sie einfach nur überfordert: Überfordert, wenn sie Teenager wegen einer zerbrochenen Busscheibe gut eine Stunde in einem vollbesetzten Bus „inhaftieren“ und anschließend Vierzehnjährige im vollen Umfang erkennungsdienstlich behandeln, überfordert, wenn sie Fans in ihren Reisewegen willkürlich beschränken, überfordert, dass Rauchverbot in Zügen durchzusetzen und überfordert, rechtsradikale und fremdenfeindliche Gesänge zu ahnden. Etc. pp.

Eine Lösung hierfür – wie auch bei der Lösung von alkoholbedingten Straftaten innerhalb und außerhalb des Kosmos Fußball – würde allerdings Reflexion und keine Reflexe voraussetzen…

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Responses

  1. […] Wendtscher Reflex (Andreas Wiemers: Lagerstätte) – Über Rainer Wendt, den Gewerkschaftschef der Polizei-Gewerkschaft, der immer reflexartig – aber unreflektiert – Alkoholvebote beim Fußball fordert. […]


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