Verfasst von: Andreas Wiemers | 12. August 2011

Der böse Fan des VfL

Wenige Stunden vor dem heutigen Spiel des VfL Bochum 1848 gegen den FC St. Pauli gibt sich der Aufsichtsratsvorsitzende Ernst-Otto Stüber die Ehre, Fans und Mitglieder über seine Sicht der Dinge in einem großen WAZ-Interview zu informieren. Mal davon abgesehen, dass sich der Vorsitzende in dem Interview mit seiner Aussage zur sportlichen Situation und Attraktivität des VfL-„Fußballs“ binnen einer WAZ-Ausgabe widerspricht

„Der Vorwurf, dass Friedhelm Funkel unattraktiven Fußball spielen lässt, ist in meinen Augen sehr einseitig und zu kurz gedacht.“

„Wir müssen einen anderen Fußball sehen.“

(WAZ vom 11. August 2011: Jens Todt will mehr Mut und Leben in der Bude)

und man sich schon fragt, wo die Wahrheit nun liegt und ob ein Nichtaufstieg tatsächlich mit dem Wort „erfolgreich“ beschrieben werden kann, äußert sich der Vorsitzende auch intensiv über die Entwicklungen im Verein und in der Fanszene. Diese rufen allerdings noch mehr kopfschütteln hervor.

Zum einen wird das Mitgliederforum angesprochen. Sicherlich ein toller Erfolg des Vereins und eine einzigartige Maßnahme im deutschen Profifußball. Zugleich wird aber unterschlagen, dass diese Idee eine Reaktion des alten Aufsichtsrates auf die sich jüngst formierte Fan-Initiative „Wir sind VfL“ im Juli letzten Jahres war. Es war ein bewusstes Instrument, um dem berechtigten Drang der Mitglieder nach mehr Mitsprache entgegen zu kommen.

Ähnlich verhält es sich mit der angesprochenen Überarbeitung der Satzung. Auch diese Überarbeitung ist ein Ergebnis der konstruktiven Fanarbeit im Sommer letzten Jahres, die dazu führte, dass ebenfalls unter dem alten Aufsichtsrat in der Jahreshauptversammlung 2010 eine Satzungskommission eingerichtet wurde, in der Mitglieder und Vereinsvertreter gemeinsam einen Entwurf erarbeiten. Zweifellos sind sowohl Mitgliederforum als auch Satzungskommission nach dem turbulenten Herbst 2010 erst unter dem neuen Aufsichtsrat endgültig in Angriff genommen worden, gleichwohl sollte zumindest erwähnt werden, dass beide Instrumente auf die Initiative des ehemaligen Aufsichtsrat zurückgehen, um die Kritiker an deren Arbeit einzubinden – und nicht um zu spalten.

Dass sich die Arbeit allen voran an der Satzung dabei als äußerst konstruktiv gestaltete und zum Beispiel seitens der Fan-Initiativenvertretern von Extremforderungen wie der strikten Einzelwahl als Wahlverfahren für den Aufsichtsrat im Sinne einer Konsenslösung abgewichen wurde, die alle Optionen offen hält, wird in diesem Kontext bewusst unterschlagen. Passt es doch nicht in das Bild, das der Vorsitzende im weiteren Verlauf des Interviews von der Fan-Initiative „Wir sind VfL“ zeichnet:

„Es gibt beispielsweise eine Gruppe, die sich ,Wir sind VfL’ nennt. Ich sorge mich, dass sich diese bewusst von anderen abspaltet. Das darf nicht sein. Wir sind alle der VfL.“

Dass der Vorsitzende Probleme mit dem Namen „Wir sind VfL“ hat, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Aber dass er dieser „Gruppe“ öffentlich Spaltungstendenzen unterstellt, ist schon mehr als befremdlich. Gerade aus den zurückliegenden neun Monaten als Aufsichtsratsvorsitzender sollte bei ihm eigentlich ein anderes Bild über die Fan-Initiative entstanden sein. Aber dies spielt offenbar keine Rolle, wenn es darum geht, Vorurteile zu bedienen und das Konzept der Initiative zu verkennen. Denn von Anfang an war es Ziel der Initiative, dialogorientiert zu arbeiten. Sei es in vielen Gesprächen mit der (alten) Vereinsführung, in unzähligen Gesprächen mit anderen Fanclubs und Fans als auch in der Öffentlichkeit wurde dies stetig betont und auch in der praktischen Arbeit mit den Fans und dem Verein immer wieder hervorgehoben. So war, ist und bleibt es ein Ziel der Initiative, über die Fankonferenzen ein Fannetzwerk zu schaffen, welches die unzähligen Stimmen aus den Fanlagern bündelt. Ohnehin erscheint es mehr als fragwürdig, wie man aus den Fankonferenzen, die für alle Fans offen sind und auch demnächst wieder mit dem neuen Sportvorstand Jens Todt stattfindet, einen Hang zur Spaltung ableiten kann. Sprechen solche Dialogveranstaltungen innerhalb der Fanszene, die die „Gruppe“ organisiert, doch eine andere Sprache. Aber gut, Fakten können halt auch mal bewusst ignoriert werden, wenn eine Stimmung erzeugt werden soll.

Absurd wird das ganze aber, wenn der Vorsitzende von der Aussage

Mitglieder und Fans könnten sich zum Beispiel darauf verständigen, dass ein junger Spieler nicht beim ersten Fehlpass ausgepfiffen, sondern unterstützt wird.

auf die Fan-Initiative zu sprechen kommt. Ein Schelm, wer bei dieser Kausalkette direkt böses denkt. Das mach ich nicht und wundere mich stattdessen, welche Vorkommnisse ihn wohl dazu geritten haben, durch die Medien kolportierte Vorurteile über VfL-Fans einmal mehr zu bedienen. Denn dass ein junger Spieler beim ersten Fehlpass im Ruhrstadion ausgepfiffen wird, ist nicht überliefert. Aber wahrscheinlich hört man auf der Haupttribüne anders bzw. anderes. Es ist bedauerlich, dass nach den anfänglichen positiven Zeichen des Aufsichtsrates nun der Weg des alten Aufsichtsrates beschritten wird und dem VfL-Fan einmal mehr der schwarze Peter zugeschoben wird. Die Medien werden es sicherlich bei den nächsten Pfiffen im Ruhrstadion, wenn der VfL mal wieder Zement anrührt, dankbar aufgreifen.

Aber warum sollte sich die Vereinsführung auch dem allgemeinen Trend verschließen, in den Fans, die keine Jubelperser mehr sein wollen und Mitsprache einfordern und sich gegen die absolute Kommerzialisierung des Fußballs wenden, den Grund allen Übels zu sehen. Dies passt zu den Vereinen, in denen Oligarchen und/oder abgehobene Persönlichkeiten das Sagen haben. In Bochum war man schon mal einen Schritt weiter – bevor man nun im Sprint wieder mehrere Schritte zurück läuft. Schade eigentlich!

Und wer das ganze objektiver lesen will, klicke bitte beim Pottblog: Publizistischer Gegenwind für “Wir sind VfL” (Bochum)?.

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Responses

  1. Ein wirklich verwunderliches Interview. Man hat das Gefühl, Stüber quatscht nur rum. Keine Ahnung, aber ´zu allem was zu sagen. Einen anderen Eindruck hat er allerdings auch bei seinen früheren Auftritten nicht hinterlassen.

  2. Jetzt weisst Du Bescheit, nicht „Wir sind VfL“ nur Alle sind das…..!!
    Gut geschrieben und weiter so, vielleicht klappt das noch mit dem weiterkommen…

  3. […] Der böse Fan des VfL (Andreas Wiemers: Lagerstätte) – Andreas Wiemers geht noch einmal auf das WAZ-Interview mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden des VfL Bochum ein (siehe dazu auch den Pottblog-Bericht. […]


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