Verfasst von: Andreas Wiemers | 13. August 2011

Fehlstart reloaded

Sichtlich bemüht waren die sportlichen Vertreter des VfL Bochum 1848 beim gestrigen Heimspiel gegen den FC St. Pauli, den desolaten Auftritt bei der Hansa aus Rostock vergessen zu machen und die eigenen Fans mit einer Darbietung zu versöhnen, die Land auf Land ab als Fußball bezeichnet wird. Auch Chef-Trainer Friedhelm Funkel zog erste Konsequenzen aus einer Diskussion, die ihn vor wenigen Tagen noch nicht einmal interessierte, und löste am Abend vor dem 50. Jahrestag des Mauerbaus die Bochumer Zementanrührer in Form von drei Sechsern auf.Stattdessen sollte mit Neuzugang Takashi Inui das Offensivspiel des VfL zum Leben erweckt werden. Dies gelang sogar und der VfL schaffte es, sich in den ersten sieben Minuten gegen den selbst ernannten Kultclub mehr Torchancen zu erarbeiten, als in den vier Pflichtspielen zuvor zusammen. Nicht nur die Zuschauer wurden so für die Qualen der letzten Wochen entschädigt, auch der VfL belohnte sich selbst mit dem 1:0-Führungstreffer durch Kapitän Christoph Dabrowski nach einem lange nicht mehr im Ruhrstadion gesehen Spielzug, der von Inui angeleiert und von Slawo Freier vorbereitet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte der VfL das Spiel komplett im Griff und beherrschte das Geschehen auf dem Rasen. Doch nicht wenige Besucher der Ostkurve meinten zeitgleich mit dem Jubeln über die 1:0-Führung die 1:2-Heimniederlage zugleich besiegelt zu haben. Sicherlich kann man diesen Kraftaufwand nicht über 90 Minuten betreiben, doch was folgte, war wieder einmal typisch für den VfL: Anstatt auf eine kleine Vorentscheidung zu drängen und auf das zweite Tor zu spielen, praktizierte der VfL einmal mehr eine nennen wir es mal positiv formuliert „sehr kontrollierte Offensive“, überlies dem kleinen Nachbarn des HSV mehr Raum im Mittelfeld und offerierte ihm so Zugang zu einem Spiel, an dem die Paulianer bis dahin nicht teilgenommen hatten.

Der Bruch im VfL-Spiel erfolgte also nicht erst mit dem verletzungsbedingten Ausscheiden Dabrowskis in der 21. Minute, sondern war einmal mehr ein hausgemachtes Problem, das sich in der taktischen Ausrichtung der Mannschaft manifestiert und jedem vor Augen geführt wird, wenn der ballführende VfL-Spieler in der gegnerischen Hälfte nie eine Anspielstation nach vorne, sondern nur in seinem Rücken finden kann. Dennoch erweckt das VfL-Spiel bisweilen den Eindruck, sie könnten wenn sie dürften! Doch nicht nur mit der provozierten Verlagerung des Spielgeschehens von der gegnerischen in die eigene Hälfte brachte sich der VfL mal wieder um den eigenen Lohn. Hinzu kommen unerklärliche taktische Schwächen und Stellungsfehler, die es jedem Gegner erlauben, dann irgendwann doch den überragenden Andreas Luthe zu überwinden. So profitieren die Paulianer bei ihren beiden Treffern auch nicht von ihren individuellen Fähigkeiten, sondern von individuellen Fehlern und Hilfestellungen seitens des VfL. Insofern verwundert es dann doch sehr, dass Funkel immer noch versucht, aus einer defensiven Grundordnung heraus Spiele zu gewinnen. Denn das diese beim VfL in der aktuellen Saison nicht vorhanden ist, haben die nun fünf Pflichtspiele mehr als deutlich vor Augen geführt.

Im Vergleich zur vergangenen Saison haben wir einen Punkt mehr und sind noch im Pokal„, sagte Funkel nach dem dritten Spieltag. Dummerweise ist diese Aussage auch nach dem vierten Spieltag noch aktuell. Und „hey“, sogar unsere Tordifferenz ist um zwei Tore besser als zum gleichen Zeitpunkt in der Saison 2010/11. Es spricht also wirklich nichts für eine Krise und niemand hat die Absicht, von einer Krise, geschweige denn von einem Fehlstart zu reden. Allen voran nicht, weil für Funkel „die Situation, nach vier Spieltagen im unteren Tabellenmittelfeld zu stehen, nicht neu [ist]. Das war in Köln, in Frankfurt und in der letzten Saison auch hier so. Am Ende standen wir immer unter den ersten Drei und das wird auch diesmal so sein.“ Blöd ist nur, dass die Vorgabe für die laufende Saison nicht heißt, am Ende unter den ersten Dreien zu stehen, sondern aufzusteigen – was also nicht unbedingt das gleiche ist, wie man als leidgeprüfter VfL-Fan inzwischen weiß. Aber vielleicht hat der Cheftrainer seine Saisonziele nach dem erneuten Fehlstart auch schon nach unten korrigiert und vermutet ebenfalls, dass es nicht noch einmal gelingen wird, eine Serie wie im letzten Jahr zu starten und darauf zu bauen, dass Fortuna, das alte Luder, einem wieder treu zur Seite stehen wird.

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Responses

  1. […] Fehlstart reloaded (Andreas Wiemers: Lagerstätte) – Über den Fehlstart des VfL Bochum. […]


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