Verfasst von: Andreas Wiemers | 13. Februar 2012

Einbruch! Umbruch! Aufbruch?

Während man sich zumindest in der Politik daran gewöhnt hat, dass sich die Bundesrepublik Deutschland seit gefühlten 20 Jahren in einer Konsolidierungs- und Aufbauphase befindet, ereilt nun dieses Schicksal auch dem VfL Bochum 1848. Als Aufstiegsfavorit gestartet, ist er über den zwischenzeitlichen Umweg Abstiegsränge als Bettvorleger im Niemandsland der 2. Bundesliga gelandet. Wird vom eigentlichen Ziel „Aufstieg“ ausgegangen, stellt diese Saison, die vermutlich als miserabelste aller Spielzeiten in der VfL-Bundesliga-Geschichte eingehen wird, eine bittere Enttäuschung dar. Zieht man allerdings in Betracht, dass der VfL zwischenzeitlich die rote Laterne trug und sich ernsthafte Sorgen um den Klassenerhalt in Liga 2 machen musste, kann man zumindest aufatmen. Doch aufatmen befriedigt nicht wirklich. Ruhig Ein- und Ausatmen bringt auch nichts.

Stattdessen verfestigen sich eine blau-weiße Leere und die vergebliche Suche dem gewissen Etwas, das das Leben als graue Maus in diesem weggeworfenen Zweitligajahr noch bringen kann. Nicht nur Kommandant-Tom vermisst spätestens nach der jüngsten Niederlage beim FC St. Pauli den Wiederaufstiegsesprit endgültig. Andere klammern sich an Auftritte wie gegen die Fortuna aus Düsseldorf oder wie gegen den FC Bayern München und flüchten sich in die Illusion, dabei keine Eintagsfliegen erlebt zu haben. Doch im real existierenden Zweitligaalltag ist genau dies zu befürchten. Sicherlich kann keinem VfL-Spieler mehr mangelnde Einsatzbereitschaft vorgeworfen werden, aber Einsatzbereitschaft sieht man auch beim Halma. Uninspiriert, wenig mitreißend und ohne Feuer wirkten die bisherigen Bochumer Auftritte im Jahr 2012 auf dem Rasen dennoch.

All dies hat sich noch nicht auf die Kurve in Gänze übertragen. Doch besteht die Gefahr einer für den VfL gefährlichen Lethargie, wenn mit dem Verweis auf den Konsolidierungsprozess und der angekündigten Aufbauphase jegliche Form der Auseinandersetzung mit dem Dargebotenen im Keim erstickt wird. Diesen Schritt sind die Verantwortlichen beim VfL (noch?) nicht gegangen. Lediglich in Fanforen wird aktuell über die vermeintliche Ungeduld des eigenen Anhangs spekuliert und weiter an der Mär gearbeitet, VfL-Fans pflegen ein überkritisches Verhältnis zu ihrem Verein und leiden unter zu hohen Erwartungen. Doch wer angesichts des trostlosen weiteren Saisonverlaufs nicht mehr mit der Erwartung in das nächste Spiel geht, eben dieses auch zu gewinnen, der hat den VfL schon aufgegeben. Wenn Spieler, Spielweise, Aufstellung und Auswechselung irgendwann nicht mehr durch den eigenen Anhang aufs Schärfste kritisiert und auseinander genommen werden, kann man anstatt konsolidieren nur noch kondolieren.

Konsolidiert wurde beim VfL inzwischen zu genüge. Sportlich hat der VfL die Kurve gekriegt und befindet sich jenseits von Gut und Böse. Auch finanziell hat der VfL über alle ihm zur Verfügung stehenden Kanäle erfolgreich kommuniziert, wie eng der Gürtel geschnallt werden muss. Blut, Schweiß und Tränen wurden in den letzten Monaten und Wochen ausreichend vergossen. Was fehlt, sind Signale des Aufbruchs: Ein sportlicher Aufbruch auf dem Rasen, der den angekündigten „frischen offensiv Fußball“ nicht nur in Ausnahmesituationenspielen in Erscheinung treten lässt. Ein emotionaler Aufbruch auf dem Rasen, der das Band zwischen Kurve und Mannschaft festigt, die Treuen der Bochumer Jungen belohnt, alte Zuschauer wieder anspricht und als Gegengift zur Lethargie wirkt. Und ein Aufbruch des Vereins, um sich aus seiner Opferrolle zu befreien, offensiv den Aufbauprozess zu gestalten und dabei ein neues Selbstverständnis zu entwickeln. Zeit, dass sich was dreht…

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