Verfasst von: Andreas Wiemers | 3. März 2012

Blau-weiße Lobotomie

Während der VfL Bochum 1848 bei dem Debakel in Fürth einmal mehr belegte, wie wenig er mit Nackenschläge umgehen kann und wie sehr er sich von diesen aus dem Konzept bringen lässt, kam gegen die Trikotschwestern aus dem Osten die erwartete Trotzreaktion zu Tage. Denn obwohl der VfL stark ersatzgeschwächt in das Match gehen und drei Spieler in der Startaufstellung präsentierten musste, die im Grunde direkt von der Bahre auf den Platz hüpften, lieferten die blau-weißen Helden dem ausverkauften Ruhrstadion einen Abend, den niemand so schnell vergessen wird möchte.

Als stabilisierendes Element für das VfL-Spiel erwies sich die neu formierte Viererkette in der Matias Concha, Björn Kopplin, Marcel Maltritz und Jonas Acquistapace wunderbar harmonierten und den Eindruck erweckten als hätten sie in ihrem Leben nichts anderes gemacht als miteinander zu verteidigen. Zudem erwies es sich als vorteilhaft, dass die beiden Innenverteidiger Maltritz und Acquistapace die Laufwege des blau-weißen Solidaritätsbeitrages an den Osten in Person von Slatko Dedic bestens kannten und ihn über die vollen 90 Minuten aus dem Spiel nehmen konnten. Im Mittelfeld sorgte der endlich wieder genese Kapitän Christoph Dabrowski für Ordnung im VfL-Spiel und der nötigen Selbstsicherheit bei seinen Kollegen. Es war ein innerer Tag der Arbeit sehen zu dürfen, wie Dabro sofort seine Leader-Rolle wieder einnahm, ständig seine Kollegen verbal pushte und sie nach kleineren Böcken, die nun mal nicht ausbleiben, jederzeit wieder aufbaute. Diesen Fels in der Brandung hinter sich wissend konnten sich Takashi Inui und Mimoun Azaouagh voll und ganz darauf konzentrieren, das Offensivspiel der Blau-Weißen kreativ zu gestalten und ein wahres Feuerwerk an sehenswert herausgespielten Torchancen abliefern. Doch wäre ihre Arbeit nichts wert gewesen, wenn sie mit Nika Gelashvili nicht einen Stürmer zu bedienen gehabt hätten, der selbst aus keiner Torchance noch eine Bude macht. Ein wenig konnten die Dresdener einem an diesem Abend leid tun, aber Mitleid gehört nun mal nicht zum Profifußball und gerade dann nicht, wenn es den so wichtigen und für den VfL entscheidenden neunten Tabellenplatz gegen einen direkten Konkurrenten zu verteidigen gilt. Da werden halt keine Geschenke an die Gäste verteilt. Insofern war es absolut konsequent, wie kompromisslos sich die VfL-Spieler ins Zeug legten und als Einheit für den gemeinsamen Erfolg kämpften.

So macht Fußball auch endlich wieder Spaß und man geht gerne ins Ruhrstadion. Bemitleidenswert waren nur jene, die für diesen denkwürdigen Abend keine Karten mehr bekommen haben und so das historische Spiel nur an den TV-Geräten verfolgen konnten. Sicherlich profitieren sie davon, die taktisch herausragenden Spielzüge des VfL noch einmal in Zeitlupe bewundern zu können, bekamen aber nichts von der einzigartigen Stimmung im Tollhaus Ostkurve mit. Hier lagen sich die Menschen wieder in den Armen und boxten sich nicht mehr gegenseitig um. Dort wurde die eigene Mannschaft gefeiert und viel Sensibilität an den Tag gelegt als die Helden auf dem Rasen kleinere Schwächephasen überbrücken mussten. Wie bestellt schallten Anfeuerungsrufe in einem Moment durch das weite Rund, wo früher lieber der Gegner beleidigt oder verherrlichende Bommerlunder-Lieder angestimmt wurden. Ebenso begrüßenswert war der Beweis, dass für südländische Stadionatmosphäre Pyrotechnik nicht erforderlich ist. Es geht, wie man gestern bewundern durfte, auch ohne. Denn die Stimmung steigt von selbst, wenn der VfL seinen Fans derart schönen Fußball bietet. Gott sei Dank kommt daher auch niemand auf die absurde Idee, im eigenen Stadion, in der eigenen Kurve so ein Ding zu zünden. Ob diese Erkenntnis nun allerdings auch bei Auswärtsspielen angewendet wird, ist fraglich. Es hat einfach alles gepasst an diesem Abend. Nicht nur die Mannschaft präsentierte sich als Team. Auch die Kurve agierte so homogen wie unsere Vertreter auf dem Rasen. Kein Wunder, dass bei so viel ausgelassener Freude und Glückseeligkeit sich auch die Polizei nicht ausgegrenzt fühlen wollte, mit ihrer Präsenz die Ostkurve mit einer neuen, grün-weißen Farbkombination bereicherte und ausgelassen den glorreichen VfL mitfeierte. Fußballherz, was willst Du mehr?

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