Verfasst von: Andreas Wiemers | 13. April 2012

Exterritoriale Erlebnisse

Wer öfter zu den Hauptzeiten mit der Deutschen Bahn zwischen Düsseldorf und Essen pendelt, kennt vermutlich die Problematik, in den Großraumabteils der Deutschen Bahn wie eine Ölsardine zerquetscht zu werden. Glücklicherweise erspähte ich in Duisburg dann einen Klappsitz. Dumm nur, dass sich dieser am Rande eines Waggons des Regionalexpresses in Richtung Münster befand, in dem die Bahn mit Hilfe eines kleinen Bordbistros Kundenfreundlichkeit suggerieren möchte. Denn was man nicht wissen kann, ist die Tatsache, dass der Aufenthalt in diesem Bereich nur unter Vorbehalt gestattet ist: Dort muss konsumiert und verzehrt werden. Der eigentliche Grund warum Bahn gefahren wird, spielt hier keine Rolle. Darauf wies mich die nicht gerade freundliche Bedienung hin und verwies direkt auf ihr Hausrecht. Da ich weder einen Hinweis auf diese Ordnung im besagten Bereich entdeckten konnte und es mir neu war, dass man in nicht dezidiert ausgewiesenen Flächen von Regionalexpressen wie der 1. Klasse ohne dafür gültigen Fahrschein kein Aufenthaltsrecht genießt, wollte ich mir die Aussage vom Schaffner bestätigen lassen.Wutentbrannt schloss die nun überhaupt nicht mehr freundliche Dame ihr Verkaufsregal ab, stampfte durch den Zug und kam nach fünf Minuten in Begleitung von gleich zwei Schaffnern zurück. Diese bestätigten die Aussage der Servicekraft und erklärten, dass ich mit dem Erwerb der Fahrkarte zwar ein Recht auf Beförderung, nicht aber auf einen Sitzplatz erworben hätte und ich doch bitte den Klappsitz verlassen möge, weil dieser Bereich im RE nicht der Bahn gehöre, sondern die Bahn diesen kleinen Raum an Private vermietet habe, die über die Nutzungsrechte entscheiden.

Auf meine dezente Nachfrage, wo ich den in dem überfüllten Zug nun hin solle, erklärte mir das Bahnpersonal, die beide übrigens ihre Namensschilder (bewusst?) verkehrt herum trugen, dass ich den Platz zu verlassen habe. So weit so gut. Der Zielbahnhof Essen nahte. Also begab ich mich an den Rand des Waggons unterhalb des Treppenaufgangs, um dort die restlichen Minuten stehend zu verbringen und Mülheim passieren zu lassen. Doch habe ich dabei außer Acht gelassen, dass ich weder ein „Recht auf einen Sitzplatz“ – allein diese Formulierung ist für einen RE schon absurd genug für einen eigenen Blog -, noch auf einen Stehplatz meiner Wahl mit dem Ticket erworben hatte. Denn eilig kam einer der beiden Schaffner zu mir und erklärte, dass ich den besagten Raum komplett zu verlassen hätte. Leicht genervt fragte ich dann nach, wo denn der private Bereich im öffentlichen Personennahverkehr ende und ich stehen dürfe. Doch eine Antwort auf diese Frage sollte ich nicht mehr bekommen. Stattdessen wurde gedroht, mich aus dem Zug zu werfen und die Polizei zu holen, wenn ich nicht sofort den Waggon verlasse. Obgleich mich brennend interessiert hätte, was die Ordnungsmacht zu dieser Lappalie sagen mag, entschloss ich mich dann doch in Richtung Tür durchzuquetschen und dem Feierabend ohne weitere Diskussionen entgegen zu fiebern. Denn anstatt die Tickets der Fahrgäste zu kontrollieren, lungerten die beiden Bahnbediensteten fortan lieber im Bordbistro rum. Noch nicht mal meinen Fahrschein wollten sie sehen…

Kundenfreundlichkeit wird bei der Deutschen Bahn offenbar immer noch sehr groß geschrieben. Egal wie voll der Zug auch sein mag und egal wie verwaist der „exterritoriale Bereich“ namens Bordbistro auch ist, hier gelten (Haus-)Recht und Ordnung. Da gibt es auch keine Ausnahme bei völlig überfüllten Zügen. Hauptsache die Kasse des Betreibers stimmt und die wenigen Kunden des Bistros fühlen sich wohl, denn die zahlen ja für das Recht dort stehen und sitzen zu dürfen noch mal extra drauf, während der normale Fahrgast nur über ein ordentliches bzw. einfaches Ticket ohne Sondernutzungsrechte verfügt.

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Responses

  1. Und das sagt die Bahn:

    Sehr geehrter Herr Wiemers,

    vielen Dank für Ihre E-Mail.

    Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Sie sich sehr darüber geärgert haben, dass Sie Ihren Sitzplatz inmitten des Berufsverkehres verlassen mussten, da dieser zum Cafewagen gehörte. Für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldige ich mich bei Ihnen.

    Die DB Regio NRW orientiert sich bei der Planung ihrer Zug- und Sitzplatzangebote selbstverständlich an der Nachfrage und an der von den Verkehrsverbünden bestellten Vorgabe. Grundsätzlich kann es aber bei betrieblichen Unregelmäßigkeiten wie Verspätungen oder Zugausfällen zu kurzfristigen Überbesetzungen kommen, sodass wir nicht jedem Reisenden immer einen Sitzplatz garantieren können.

    Die Sitzplätze in den Cafewagen sind ausschließlich für die Kunden, die dort auch etwas konsumieren. Das tut mir leid.

    Auch wir vermissen das Fingerspitzengefühl, mit dem die geschilderte Situation zur beiderseitigen Zufriedenheit hätte geregelt werden können. Das von Ihnen geschilderte Verhalten unserer Mitarbeiter entspricht sicherlich nicht unserem Anspruch von Kundenfreundlichkeit und Serviceorientierung.

    Sehr geehrter Herr Wiemers, ich entschuldige mich nochmals bei Ihnen für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten und wünsche Ihren zukünftigen Fahrten einen angenehmen Verlauf.

    Mit freundlichen Grüßen
    DB Regio NRW GmbH


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