Verfasst von: Andreas Wiemers | 5. August 2012

Havelse ist nicht West Ham

Wie wenig aussagekräftig Testspielergebnisse in der Saisonvorbereitung sind, unterstrich der Saisonauftakt des VfL Bochum 1848 im heimischen Ruhrstadion gegen die Sportgemeinschaft aus Dresden. Während Dynamo unter anderem den englischen Premierleague-Club West Ham United deutlich besiegte, leistete sich der VfL Klatschen gegen so ruhmreiche Mannschaften wie Hüls, Osnabrück und Havelse. Entsprechend skeptisch begleiteten nicht nur die Medien den Saisonbeginn, auch die meisten der 16.191 Fans gingen zumindest mit Bauchgrummeln zur Standortbestimmung ins ehrwürdige Ruhrstadion.

Was das stimmungstechnisch gut aufgelegte Bochumer Publikum dann zu sehen bekam, überraschte nicht nur so manchen Vorbereitungsgeschädigten, es irritierte auch alle hartgesottenen Kurvengäste, die sich den blau-weißen Rumpelfußball der letzten drei bis vier Jahre kontinuierlich angetan haben. Chefcoach Andreas Bergmann präsentierte sechs Neuzugänge in der Startelf und lies ansehnlichen Angriffsfußball auf dem grünen Parkett vortragen, der von den blau-weißen Vertretern auf dem Rasen zudem mit Leidenschaft umgesetzt wurde. Bochumer Fußballherz, was willst Du mehr! Selbst nach fünfzehn Spielminuten ebbte der Bochumer Elan wie in vorangegangenen Spielzeiten nicht ab. Ebenso überraschend und gänzlich neu war das Gefühl, bei Standardsituationen in der gegnerischen Hälfte selbst Gefahr auszustrahlen und eventuell ein Tor schießen zu können ohne Angst haben zu müssen, dabei in einen gegnerischen Konter zu laufen. Auch der völlig unverdiente Dresdener Führungstreffer brachte den VfL nicht wie gewohnt aus dem Konzept. Stattdessen arbeitete die Mannschaft angetrieben von einem unermüdlichen rackernden Alexander Iashvili – dessen Verpflichtung ich ob seines Alters auch kritisch gesehen hatte und mich nun 1848mal für das vorschnelle Urteil entschuldigen muss – weiter für ihren Erfolg. Offenbar hat das Trainergespann die Mannschaft nicht nur konditionell sehr gut vorbereitet, sondern auch einen Mentalitätswandel in den Köpfen erzeugt. Dass an diesem nahezu perfekten Fußballnachmittag mit Leon Goretzka bei seinem Profidebüt in der 52. Spielminute und mit Paul Freier zum Siegtreffer in der 85. Spielminute auch noch zwei Bochumer Jungen die Tore erzielten, passt eigentlich eher in die Romane eines VfL-Aufsichtsratsmitgliedes als in die oft triste blau-weiße Realität. Aber der Fußballgott war an diesem Samstag offenbar gewillt, die Bochumer Fans für viele Nacken- und Rückschläge königlich zu entschädigen.

Sicherlich lässt dieser überzeugende 2:1-Sieg im ersten Saisonspiel noch nicht viele Rückschlüsse zu, aber zumindest weckt er die Hoffnung, dass der Mannschaftsumbau kein Himmelfahrtskommando wird, sondern durchaus Freude bereiten kann: Kampf und Leidenschaft gehören wieder zu den Bochumer Grundtugenden und werden um Spielwitz ergänzt. Der Sieg lässt vermuten und hoffen, dass der von Sportvorstand Jens Todt und Coach Bergmann eingeschlagene Weg sicherlich kein leichter, aber durchaus ein erfolgreicher Kurs sein kann. Denn im Gegensatz zur zurückliegenden Saison, wo Todt und Bergmann wenig Einfluss auf die Kaderzusammenstellung hatten, konnten sie sich nun erstmalig im Sinne ihrer Fußballidee komplett personell austoben und bewiesen dabei offenbar kein ungeschicktes Händchen. Man kann also gespannt sein, welche positiven, aber sicherlich auch negativen Überraschungen noch im blau-weißen Körbchen versteckt sind. Zumindest scheint dieses Körbchen prall gefüllt und keine Wundertüte zu sein. Aber bis dahin kann nun erst mal der Fußballsamstag zelebriert und die just in diesem Moment aktuelle Tabelle der 2. Liga angehimmelt werden:

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Responses

  1. […] Das der VfL Bochum die Gäste so dominiert und dann auch besiegt (auch wenn das Ergebnis eigentlich zu knapp war), hätte man sich anhand der Vorbereitung nicht vorstellen können, aber Havelse ist halt nicht West Ham. […]


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