Verfasst von: Andreas Wiemers | 26. August 2012

Geduld? Dafür nicht!

Zwei historische Ereignisse konnte der VfL-Fan im Ruhrstadion bei der Heimspielniederlage gegen den VfR Aalen zelebrieren: Zum einen die Gewissheit, beim Sieg im Ligaauftakt gegen Dynamo Dresden die beste blau-weiße Saisonleistung bereits gesehen zu haben (Pech für die, die in den Sommerferien noch im Urlaub waren) und zum anderen die statistische Erkenntnis, gegen keinen anderen Verein im deutschen Fußball eine derart negative Bilanz zu haben, wie gegen den Aufsteiger aus der baden-württembergischen Pampa. 100 Prozent der Pflichtspiele gegen die Schwarz-Weißen aus der Ostalb gingen verloren.

Bereits zu Spielbeginn war den Blau-Weißen anzumerken, womit ihre Hosen angesichts der Aalener Konterstärke gefüllt waren. VfL-Coach Andreas Bergmann stellte also seine Jungs darauf ein, aus einer soliden Defensive heraus das Spiel aufzunehmen. So weit so gut. So weit die Theorie. Allerdings machten Bergmann und seine elf Auserkorenen dabei die Rechnung ohne die Bochumer Innenverteidiger, die mit Spielaufbau so viel zu tun haben, wie der VfL mit dem Kampf um die deutsche Meisterschaft. Nämlich nichts. Richtig blöd läuft es dann, wenn auch die Außenverteidiger einen Tag erwischen, den sie besser im Bett als auf dem Fußballplatz verbracht hätten. Doch verblasst die Unzulänglichkeit der Außen im Vergleich zu den fußballerischen Defiziten der beiden Herren im Zentrum der Defensive. Während sie wie Gockel über den Platz stolzieren, bringt vor allem Lukas Sinkiewicz äußerst erfolgreich mehr Bälle in den Beinen des Gegners als bei den eigenen Mitspielern unter. Aber nun sollte er nicht zu scharf kritisiert werden. Stattdessen soll Milde wallten, denn es verbietet sich auf Menschen einzuprügeln, die unter einer schweren Sehbehinderung leiden und daher blau-weiße von schwarz-weißen Trikots nicht unterscheiden können. Es ehrt den VfL Bochum 1848 also enorm, im Sinne der Inklusion auch Menschen mit eklatanten Sehbeschwerden einen Platz im deutschen Profifußball anzubieten. Schade nur, dass 35 andere Mannschaften im deutschen Profifußball diese noblen Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben und auf Spieler bauen, die zumindest die Trikotfarben auseinander halten können. Gleichwohl muss hier direkt korrigierend eingegriffen werden, denn zumindest das rote Torwarttrikot von Andreas Luthe konnte bei den zahlreichen und unnötigen Rückpässen erfolgreich identifiziert werden. Vielleicht sollte der VfL zukünftig einfach in Signalrot spielen und die Farbkombination blau-weiß auf das Torwarttrikot beschränkt werden.

Doch auch wenn Sinkiewicz den Spielaufbau oftmals unterbunden und gemeinsam mit Florian Brügmann den Siegtreffer der Gäste eingeleitet hat, wäre es verkehrt, ihnen allein die Schuld für das kollektive blau-weiße Unvermögen in die Schuhe zu schieben. Ebenso wenig kann dies Marcel Maltritz angekreidet werden, der allenfalls im Querpassspiel mit Sinkiewicz Passgenauigkeit erkennen lässt, denn auch die VfL-Offensive agierte mehr trost- als mutlos. Torgefährlichkeit blitzte lediglich auf, wenn VfL-Eigengewächs Leon Goretzka auf Höhe der Mittellinie einmal Tempo aufnahm, um dann ca. 23 Meter vor dem gegnerischen Strafraum keine Anspielstation zu finden. VfL-Stürmer Slatko Dedic agierte wie in jedem Spiel, das nicht auf Konter angelegt ist, völlig isoliert von seinen Mitspielern und offenbarte höchste einen Mehrwert für den VfR, in dem er jede Schussmöglichkeit aus der zweiten Reihen mit seiner körperlichen Präsenz zwischen Schütze und Tor verhinderte. Dies kann und muss die einzig logische Erklärung sein, warum der VfL auf einem regengetränkten Rasen nicht einmal den Abschluss aus der zweiten Reihe suchte. Unverbesserliche Optimisten mögen vielleicht in Maltritz „Schuss“ Mitte der ersten Halbzeit einen Abschlussversuch sehen, Realisten dies eher als technisches Unvermögen bezeichnen.

Was nach diesem verbockten Saisonbeginn bleibt, sind die Appelle der Verantwortlichen, der jungen Mannschaft und dem Umbruch Zeit zu geben. Zeit, die der VfL auch hat, weil niemand in diesem Jahr den Aufstieg erwartet. Aber die Geduld, die ständig gleichen Fehler von Spielern zu sehen, die mehr als 350 Pflichtspiele im Profifußball auf dem Buckel haben oder immerhin auf drei Länderspieleinsätze kommen, ist schlichtweg aufgebraucht. Dafür kann einfach keine Geduld mehr erwartet werden. Zu diesem Geduldsverlust gesellt sich die Verzweifelung über die Qualität des Kaders, in dem offenbar niemand dieses Leistungs“niveau“ überbieten kann. Was bleibt ist also die frustrierende Erkenntnis, dass der VfL mit diesem Defensivverhalten und mit diesen Verteidigern stets mindestens ein Tor schießen muss, um einen Punkt zu ergattern und mindestens zwei Tore benötigt, um ein Spiel zu gewinnen. Womit wir beim nächsten Problem wären…

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