Verfasst von: Andreas Wiemers | 5. September 2012

Blau-weiße Antizipation

Dass der Fall Pezzoni irgendwann einmal mit blau-weißer Brille betrachtet wird und Bochumer Parallelen gesucht werden, lag grundsätzlich auf der Hand und war angesichts der bundesweiten Empörungswelle und dem vermeintlichen Niedergang des Fußballs zu erwarten. Den Aufschlag machte nun die WAZ Bochum und fertigte aus O-Tönen von Cheftrainer Andreas Bergmann, VfL-Fanbeauftragten Dirk Michalowski und VfL-Pressesprecher Christian Schönhals einen Artikel, der unter der polemischen Überschrift „VfL-Fanbetreuer Michalowski warnt vor Nachahmern“ erschien. Eine Überschrift, deren Skandalgehalt durchaus das Niveau anderer Zeitungen mit rot-weißem Logo erreicht. Denn dieser Titel wirft zweifellos den Verdacht auf, dass ähnlich geartete Aktionen in Bochum direkt vor der Realisierung stünden. Doch scheint die WAZ hier nur journalistisch „gut“ zu arbeiten und mit der prägnanten Überschrift zum Lesen des gesamten Artikels anregen zu wollen. Denn entgegen der ersten Vermutung warnt Moppel lediglich generell vor Nachahmern, die aber nicht zwingend in Bochum zu suchen sind.

Dem erleichterten ersten Aufatmen folgt jedoch direkt der nächste Schnappatmungsanfall. Mit Blick auf Bergmanns Vergangenheit als Enke-Trainer wird der beim Selbstmord des ehemaligen 96-Torhüters von Funktionären, Fans und Medien selbst auferlegte fairere Umgang angemahnt, der nach Auffassung von Bergmann und WAZ ausgeblieben sei. Dass Bergmann dies als sportlich Verantwortlicher so sieht, ist legitim. Dass aber eine Zeitung, die mindestens mit ihrer individuellen Notengebung und Bewertung Spieler ebenso öffentlich an den Pranger stellt und beschädigt wie 25.000 aufgebrachte und pfeifende VfL-Fans, in das gleiche Horn bläst, wirkt zumindest befremdlich. Aber gut, in dem Artikel soll es ja auch um die Rolle der Fans Taliban des Fußballs und nicht um die Rolle der Medien gehen. Daher geschenkt.

Um die aktuelle Bochumer Gefahrensituation zu skizzieren, folgt ein Absatz über den unrühmlichen Abstieg des VfL Bochum, bei dem die aufgewühlten Zuschauerreaktionen, die der damalige Interimstrainer und VfL-Legende Dariusz Wosz im Übrigen ebenso emotional nachvollziehen konnte wie auch der damals stark in der Kritik stehende Ex-Sportvorstand Thomas Ernst, skandalisiert und aufgrund des Leitmotives des Artikels quasi auf eine Stufe mit den Vorfällen in Köln gestellt werden. Gut, dass Moppel an dieser Stelle das Geschehene richtig einordnet. Gleichwohl bleibt der fade Beigeschmack einer erzeugten Grundstimmung gegen das blau-weiße Kurvenvolk und den Fans im Allgemeinen, den auch Moppels Rettungsversuch geschmacklich nicht mehr wirklich retten kann.

Was folgt, ist ein übler Rückfall in die Propagandamaschinerie eigentlich längst vergangener Tage. So nährt VfL-Pressesprecher Schönhals die Mär über die „überzogene Erwartungshaltung“ in Bochum. Was von zurückgetretenen Aufsichtsratsmitgliedern, entlassenen Vorständen und gefeuerten Cheftrainern erfolgreich in den Köpfen diverser Medienvertreter implantiert wurde und den VfL noch heute in Kommentaren verfolgt, sitzt offenbar auch noch fest verwurzelt in den Köpfen der Angestellten. Anders ist zumindest nicht zu erklären, woher dieser plötzliche Sinneswandel vom Todt’schen Imperativ „Die Fans haben das Recht zu kritisieren“ zurück zur „überzogenen Erwartungshaltungen“ stammt.

Aber vielleicht ist es in den Augen einiger VfL-Verantwortlichen tatsächlich eine überzogene Erwartungshaltung der Fans, dass ein Pass über zehn Meter auch mal beim Mitspieler und nicht im Seitenaus oder beim Gegner ankommt. Immerhin sehen diese Verantwortlichen ja auch das wahre Leistungsniveau der Spieler täglich im Training und schätzen dieses daher anders realistischer ein als der Fan in der Kurve, der lediglich treu doof zu den Spielen läuft. Insofern könnte auch der Fananspruch, eine Mannschaft sehen zu wollen, die sich für den Erfolg die Lunge aus dem Leib rennt und die Haut von den Beinen grätscht, aus der Sicht eines Verantwortlichen überzogen sein, der Tag ein Tag aus sieht, wie manche Profis mehr Zeit fürs Styling als für das Training aufwenden. Vielleicht ist es aber auch bei einigen Verantwortlichen noch nicht angekommen, wie genügsam die Kurve geworden ist, die selbst kleinste Erfolge wie Siege in der süddeutschen Pampa intensiver feiert als so mancher Rekordmeister einen weiteren Meistertitel. Eine Kurve, die innerhalb der 90 Minuten inzwischen bedingungslos hinter ihrer Elf steht und lediglich zum Halbzeit- und Schlusspfiff das wenn dann auch berechtigte Pfeifkonzert intoniert. Fans, die allein wegen der Wahrung einer Aufstiegschance – sogar im Gegensatz zu anderen Vereinen erst nach dem Schlusspfiff – friedlich den Rasen stürmen und eine Feier zelebrieren als wäre man gerade an der Bremer Brücke aufgestiegen. Anhänger, die ein Relegationsspiel in den ost-holländischen Gebieten jenseits des Rheins stimmungstechnisch zu einem Heimspiel umfunktionieren und im Zweitligaabstiegskampf der sprichwörtliche zwölfte Mann waren. All dies, was sich endlos fortsetzen lässt, sagt vieles aus, spricht aber vor allem nicht für eine überzogene Erwartungshaltung beim blau-weißen Anhang. Eher im Gegenteil. Denn nach vielen Jahren mit bitteren Enttäuschungen und schmucklosem Fußball sind die Fans viel eher als so manch anderer Anne Castroper in der blau-weißen Realität angekommen und pflegen die Tugenden, die in der Schweineliga erforderlich sind. Der VfL hat also kein Problem mit seinen Fans. Der VfL hat offenbar lediglich ein Problem mit seinen Fans. Also wie war das noch mal mit der Erwartungshaltung?

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Responses

  1. […] Andreas Wiemers bloggt zur Suche nach Parallelen zum “Fall Pezzoni” in Bochum: Blau-weiße Antizipation […]


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