Verfasst von: Andreas Wiemers | 19. Oktober 2012

Das Schweigen der Lämmer

Vor Jahren hatte der VfL das Image eine graue Maus zu sein, spätestens nach dem verlorenen Heimspiel gegen die Alte aus Berlin, hat er das Image verinnerlicht. Der VfL Bochum 1848 ist inzwischen eine graue Maus und erntet höchstens noch Mitleid aus den eigenen Reihen. Wobei Mitleid inzwischen für diesen VfL-Fußball noch das falsche Wort ist. Vielmehr wäre Fremdschämen angesagt. Denn jeder Pilger kommt in einem Nonnenkloster öfter zum Schuss als der glorreiche VfL in einem Heimspiel.

Was der VfL bei der 0:2-Heimpleite offensiv zu bieten hatte, ist schlichtweg mitleidserregend. Null Inspiration, null Kreativität und kein unbedingter Wille ein Tor zu erzielen. Mit gutem Willen betrachtet, kam der VfL in diesem Heimspiel gerade mal auf eine reale Torchance. Was also zum Leben eindeutig zu wenig ist, reicht zum Sterben völlig aus. Dabei juckt es auch niemanden mehr, ob vielleicht irgendwann einmal der Knoten platzt, die Spielanteile in Tore umgemünzt werden oder jeder Gegner im Vorfeld erfolgreich stark geredet wird. Denn wie jeder VfL-Fan seit dem jüngsten Auswärtserfolg weiß, ist selbst ein deutlich niederklassigerer Gegner wie die Jungs aus Bochum 6 eine Herausforderung für diese Mannschaft, die sie mit Mühe und Not bewältigt.

Dabei scheint das Hauptproblem in der Mannschaft selbst zu liegen. Alleine wenn man beobachtet wie der Hertha-Kapitän jede vereitelte VfL-Tormöglichkeit intensiver zelebriert als der VfL in der Vergangenheit ein eigenes Tor, muss einen diese Erkenntnis stutzig machen. Der VfL 2012 ist wie in den Jahren zuvor keine Truppe, sondern eine Ansammlung von Individualisten, die um ihre Punktprämie betteln.

Aber Erfolg stellt sich mit Betteln nun mal nicht ein. Entsprechend kann der VfL nach diesem Spieltag damit rechnen, basierend auf einem Abstiegsplatz das Match in Aue beschreiten zu dürfen. Und geht auch dieses Spiel verloren, wird der VfL die T-Frage stellen und sie negativ beantworten müssen. Und dabei dreht es sich nicht um die Frage, dass VfL-Kapitän und -Torwart Andreas Luthe einmal mehr in Schwarz-Gelb den heiligen Rasen des Ruhrstadions betreten hat.

Ähnliche Sprachlosigkeit findet sich beim VfL aber auch abseits des Platzes. Hatte VfL-Finanzvorstand Ansgar Schwenken auf der Jahreshauptversammlung am 10. September 2012 noch angekündigt, der Verein werde eine Arbeitsgruppe zum Thema Stadionsicherheit einrichten, erscheint diese großzügige Offerte nunmehr als ein Witz in einem groß angelegten Kabarettprogramm namens „DFL-Sicherheitskonzept“. Denn in diesem Konzept, an dessen Mitwirkung Schwenken als einer von elf Personen beteiligt war, wird ein solches Gremium, das einen Verhaltenskodex für die Stadionsicherheit erarbeitet soll, von den Vereinen zwingend eingefordert.

Insofern ist der VfL in dieser Frage auch bei freundlichster Lesart nicht auf seine Fans und Mitglieder zugegangen, sondern kündigt im vorauseilenden Gehorsam schon mal an, was er nach DFL-Willen ohnehin bald umsetzen muss. Ein offener und ehrlicher Dialog auf Augenhöhe hätte zwischen dem Verein und seinen Anhängern stattfinden können, wenn er ein solches Gremium in der Hochphase der Fan- und Mitgliederbeteiligung ins Leben gerufen hätte. Entsprechende Anregungen wurden auf dem ersten Mitgliederforum im April 2011 auch artikuliert, gehandelt wurde aber offenbar nun erst auf explizitem Wunsch der DFL. Dabei hätte der VfL mit der frühzeitigen Einrichtung eines solchen Gremiums nicht nur seine Fannähe ausbauen können und somit eine Nische zwischen den benachbarten Vereinen besetzen können, er wäre nunmehr auch sprachfähig gewesen und hätte sich in die Diskussion über das Sicherheitskonzept aktiv einmischen können. Stattdessen muss der VfL nun tatenlos zusehen, wie andere Vereine ihm in Sachen Dialog mit den eigenen Fans den Rang ablaufen und ein Verein nach dem anderen – nach dem Austausch mit seinen Fans – dazu übergeht, dass Sicherheitskonzept abzulehnen (klick, klack, klock, kluck) – während in und aus Bochum betretenes Schweigen zu vernehmen ist.

Dabei drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass dieses Schweigen dem Verein gar nicht so unrecht ist. Denn das Gremium soll nach Aussage des Vorstandes eh nur den bereits vor Wochen kritisierten Verhaltenskodex auf Bochum runterbrechen. Und wie viel Spielraum diese Diskussion dann noch zulässt, wurde bereits an anderer Stelle thematisiert. Insofern ist es dann allerdings auch konsequent, dass sich das VfL-Fangremium offenbar ausschließlich mit „den Fragestellungen rund um das Thema Sicherheit beschäftigen soll“ und die breite Masse der Fans von dieser Diskussion ausgegrenzt wird, in dem sich nur Mitglieder für dieses Gremium bewerben können. Zweifellos ist ein Diskurs über Sicherheit als ein Punkt unter vielen nötig und Verständigungen sind möglich, aber solche Ergebnisse können nicht unter von oben verordneten Bedingungen erarbeitet werden, sondern müssen das Produkt eines ergebnisoffenen Austauschs sein, der alle Beteiligten auf gleicher Augenhöhe einbindet.

Es macht folglich derzeit richtig Spaß dem VfL auf und abseits des Platzes zu zusehen – zumindest wenn man auf Schmerzen, Erniedrigungen und Demütigungen steht…

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