Verfasst von: Andreas Wiemers | 18. November 2012

Das Gesetz der Serie

Positiv betrachtet war der grandiose VfL Bochum 1848 vor dem wegweisenden Match gegen den SV Sandhausen 1916 (wen es interessiert, wo diese 14.556 Einwohner zählende Kaff Dorf liegt, klickt bitte hier) seit nun drei Pflichtspielen (einschließlich DFB-Pokal) in Folge unbesiegt. Wer die letzte ruhmreiche Serie dieser Art in sein Gedächtnis zurückrufen möchte und das Erinnerungsvermögen an die letzte Saison mit unserem Haus- und Hoflieferanten doch noch nicht auslöschen konnte, muss schon bis zum 29. April 2012 im Kalender zurück blättern, um sich genussvoll daran zu erinnern, wann der VfL zuletzt ganze drei Mal in Folge nicht verloren hat. JA, das waren damals noch schöne Zeiten als wir den Abstieg aus der Schweineliga verhindern konnten und dem viel gepriesenen Umbruch mit Hoffnung begegneten… Wird das ganze aber mit dem inzwischen in Fleisch und Blut übergangenen Bochumer Pessimismus betrachtet, stößt negativ auf, dass der einst so unabsteigbare unbeugsame VfL seit neun Ligaspielen in Folge nicht mehr gewinnen konnte. Aber Siege werden bekanntermaßen völlig überbewertet und deren Auswirkungen auf das individuelle Lebensgefühl komplett überschätzt. Solche Euphoriewellen und Glücksgefühle zählen nur etwas für Anhänger von Vereinen, die nicht zum Leiden ins Stadion gehen, sondern um sich zu Amüsieren. Und wer nach unzähligen Jahren leidenschaftslosen Rumpelfußball in der Saison 2012/13 immer noch selbst bei dem aktuellen Tabellenstand an die Castroper Straße pilgert, der hat komplett verinnerlicht und lebt völlig ungeniert aus, was Nick Hornby in Fever Pitch meinte als er schrieb: „Sich zu amüsieren, indem man leidet, war für mich ein vollkommen neuer Gedanke…“.

Und der VfL gab auch gegen Sandhausen den 9.795 Zuschauern wieder einmal, was sie brauchen. Rätselte man vor dem Anpfiff noch, ob ein Sandhausener Spieler überhaupt namentlich bekannt ist, so konnte man den ersten Spielernamen in der 5. Spielminute kennen lernen, als Frank Löning zur Gästeführung traf. Auch wenn der VfL fünfzehn Minuten später durch Neuvatta Slatko Dedic zum Ausgleich kam, gab dies dem VfL-Spiel nicht die erhoffte Sicherheit. Weiterhin liefen elf Individualisten über den Platz, denen die volle Buchse angesehen werden konnte und die der Sandhausener Ausrichtung genau in die Karten spielten. Denn entsprechend Sandhausens Strategie generierte der VfL einen gegnerischen Freistoss nach dem anderen in der eigenen Hälfte. Folgerichtig ging der Verein, der während des 1. Weltkrieges anno 1916 gegründet wurde, nur drei Minuten nach Bochums Ausgleich erneut in Führung. Natürlich nach einer Standardsituation. Wieder war Löning zur Stelle. Offenbar ein Name, den man sich merken muss(te).

Was dann folgte, kann im Grunde nur mit einem Wunder beschrieben werden. Denn zeitgleich zum erneuten VfL-Rückstand führten die Konkurrenten um den Klassenerhalt aus Duisburg und Regensburg. Der VfL befand sich plötzlich auf dem letzten Platz in der Blitztabelle wieder. Entgegen aller, wirklich aller guten Vorsätze griff der Autor dieser Zeilen dann doch zum ersten (und letztem) Bier an diesem Tage, um den wachsenden Frust runterzuspülen. Und siehe da: mit jedem Schluck kam der VfL nicht nur besser ins Spiel, er kam auch durch Fußballgott Marcel Maltritz in der 40. Spielminute zum Ausgleich. Maltritz, der offenbar der Mann für die wichtigen VfL-Tore ist, ähnelt sich von oben aus der Kurve betrachtet frisurtechnisch nicht nur gaaanz langsam Zinédine Zidane an, er ist – trotz aller oftmals auch berechtigten Kritik – offenbar einer der weniger Spieler im Kader, der in schwierigen Phasen noch einmal ein Zeichen setzen kann und Führungsstärke offenbart. Denn bis zu diesem Ausgleich sorgte allenfalls noch der extrem schwache Repräsentant des Frankfurter Syndikats dafür, dass sich das Bochumer Publikum noch mit ihrer Mannschaft solidarisierte.

Doch nach dem durch verdienten Ausgleich folgte ein Selbstläufer und selbiger erweckte den Eindruck, dieser allseits bekannte, aber ziemlich fest gezurrte Knoten könnte endlich geplatzt sein. Denn noch vor der Pause erhöhte erneut Dedic auf 3:2, womit der VfL nach dreizehn Spieltagen ohne selbst erzieltes Tor in den ersten 45. Minuten nun direkt deren Drei erzielte. Nach dem Dedic in der ersten Halbzeit groß auftrumpfte, folgten die 45 Minuten des Marc Rzatkowski, der sich mit seinen beiden Buden in der 51. und 71. Minute die Sprechchöre bei seiner Auswechselung redlich verdient hatte und im Zusammenspiel Leon Goretzka mehrfach offenbarte, wozu diese Mannschaft offensiv fähig sein kann. So gewinnt man dann auch mal 5:2 zu Hause.

Nach nervenaufreibenden 90 Minuten bleibt die Gewissheit, dass kein Alkohol tatsächlich keine Lösung ist und mein Trinkverhalten das Spielgeschehen unmittelbar beeinflussen kann. Wer also meint, der VfL spiele sich einen Mist zusammen, kann mir in Block P jederzeit gerne ein Bier vorbei bringen. Denn so hält dann auch die Serie: vier Spiele in Folge unbesiegt. Wir sind einfach die Geilsten im Revier…

Advertisements

Responses

  1. […] den Torknoten. Und wenn der noch so vertrackt ist, namentlich in Form eines 0:2-Rückstands wie Andreas Wiemers […]


Kategorien