Verfasst von: Andreas Wiemers | 16. Dezember 2012

JA, ich will 1848!

Wer hätte nach dieser beschissenen bescheidenden Hinrunde gedacht, dass der glorreiche VfL Bochum 1848 die ersten beiden Spiele der Rückrunde gewinnt, sieben Tore schießt und dabei kein einziges kassiert. Schloss der VfL die Hinrunde noch auf dem Relegationsplatz in Richtung Bedeutungslosigkeit ab und kassierte nach Liganeuling Regensburg mit 33 Treffern noch die zweitmeisten Gegentore, während er selbst in 17 Spielen nur 17 Tore erzielte (nur Duisburg traf seltener), schenkt der VfL seinen Anhängern in der Rückrunde bislang eine Wiedergutmachung nach der anderen. Gewann er noch in Dresden durchaus glücklich mit 3:0, wusste der VfL im Heimspiel gegen meine ostwestfälischen Brüder und Schwestern absolut zu überzeugen, revanchierte sich für so manche Schmach und fegte die Mannen aus dem Hochstift mit 4:0 aus dem heimischen (für immer und ewig) Ruhrstadion.

Unbenannt-1Somit grüßt der zumindest aus der Schweineliga unabsteigbare VfL nach dem zweiten Spieltag der Rückrunde mit 7:0 Toren und sechs Punkten vom Spitzenplatz der Rückrundentabelle seine eigenen Fans und ganz Fußballdeutschland. Eigentlich steht der VfL nun also dort, wo er in der zweiten Liga auch hingehört, doch hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen auch gefangen. Also gilt es sich mit dem Status quo zu begnügen, die Tore von dem widergenesenen Mirkan Aydin, unserem Kronjuwel Leon Goretzka und dem twitternden VfL-Profi Kevin Scheidhauer zu zelebrieren, zu wissen, dass die Mannschaft um die elder playersmen Marcel Maltritz und Christoph Dabrowski aus einer stabilen Defensive heraus agieren kann, den ein oder anderen ansehnlichen Spielzug aufs Feld zaubert und dabei zur richtigen Zeit die notwendigen Akzente in einem Spiel setzen kann. All dies spricht durchaus für die Arbeit der billigen Interimsbilliglösung Karsten Neitzel und Thomas Reis, die zusammen offenbar nicht nur die Mannschaft erreichen, sondern es tatsächlich auch geschafft haben, dass der VfL in Standardsituationen wieder (tor-)gefährlich agiert. All dies auf Neitzel und Reis zurückzuführen erscheint auf jeden sinnvoller als es an eigens heranbestellten Glücksbringern festzumachen, die bei dem Sieg gegen Paderborn ebenfalls im Stadion zu Gast waren. Denn als Fußball- VfL-Fan neigt man ja zwangsläufig zum Realismus. feiert folgerichtig nach einem solchen Heimsieg in einem Zweitligaspiel schon mal die Reise nach Berlin und genießt es als aktuell 15. der zweiten Liga auch mal „Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey!“ durch das Ruhrgebiet zu schreien.

Doch das war es dann auch schon an gemeinsamen Nennern, die in der Kurve zu finden waren. Denn während sich die Bochumer Jungen dazu entschlossen 90 Minuten lang zu schweigen, wollten sich die Bochumer Jungen nicht damit abfinden und ihre Mannschaft das komplette Spiel anfeuern. Daher herrschte bereits zu Anpfiff mehr Aggressivität in der eigenen Kurve als unten auf dem Rasen. Dummerweise wurde es nämlich vor dem Spiel versäumt, einen Kompromiss zu finden, mit dem alle VfL-Fans leben konnten. Denn klar war, dass auf die Beschlüsse der DFL ebenso reagiert und ein Zeichen gesetzt werden musste wie es eigentlich unstrittig war, dass die Mannschaft in diesem immens wichtigen Spiel unterstützt werden muss. So war 12:12 genauso wenig eine brauchbare Alternative wie 90 Minuten Schweigen. Nahezu bedauerlich, dass bei all den Debatten unsere Zeit nicht berücksichtig wurde und niemand auf die Idee kam, eine Bochumer Antwort zu formulieren und 18 Minuten und 48 Sekunden zu schweigen, um dann die Mannschaft gemeinsam verbal zum Sieg zu Peitschen. Stattdessen haben beide Seiten dazu beitragen, dass die Kurve sich weiter spaltet und via ausgestreckten Mittelfingern und gefüllten Bierbechern miteinander kommuniziert. Mit Blick auf die bevorstehenden Aufgaben in Sachen Überwintern im Pokal und Klassenkampf im Frühjahr wurde dem VfL heute ein Bärendienst erwiesen und man darf gespannt sein, wie das Zusammenspiel in der Kurve fortan funktionieren kann und soll. Denn fanatischer Support der eigenen Mannschaft zeichnet sich eben nicht dadurch aus, dass man diesen aufgrund externer Ereignisse einstellt. Und Unterstützung der eigenen Mannschaft beweist man auch nicht dadurch, dass man eine nicht irrelevante und durchaus stimmungserzeugende eigene Fangruppierung mit Anti- und Spottgesängen übersäht, während das blau-weiße Team einen Gegner aus dem Stadion schießt. Aber vielleicht können ja die unzähligen Bochumer Fandingens wie Fanbeauftragter, Fanvertreter und Fangremium in den kommenden Tagen kitten, was ein unfähiges Frankfurter Syndikat, hetzende Medien und nicht ausgelastete und übereifrige Innenminister an Porzellan zerschlagen haben.

Denn gerade in dem Millionenspiel gegen die Giesinger Bauern gilt es als Kurve hinter dem VfL zu stehen. Das dürfte die größte Herausforderung sein. Denn als Rückrundenspitzenreiter geht der VfL als klarer Favorit gegen den Tabellenneunten aus München in das Achtelfinale im DFB-Pokal…nicht wahr!? Insofern kann es Mittwoch nur lauten: JA, ich will 1848! Und dann muss es auch ohne Glücksbringer klappen.

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Responses

  1. Links anne Ruhr (17.12.2012)…

    Bochum: Bochum, was machst du nur? (WELT AM SONNTAG) – Eine Polemik von Stefan Laurin zu den aktuellen Vorgängen in Bochum – während die FAS in der gestrigen Ausgabe in einem (online derzeit nicht verfügbaren) Artikel Bochum-…


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