Verfasst von: Andreas Wiemers | 19. Dezember 2012

Berlin, Berlin, wir trampen nach Berlin!

Nach zwei Siegen in Folge und der Tatsache als Rückrundentabellenspitzenreiter in die Winterpause zu gehen, hatte der VfL Bochum 1848 durch das Achtelfinalspiel im DFB-Pokal die Möglichkeit, seinen Fans und auch seiner Vereinsführung einen versöhnlichen Jahresabschluss zu bieten und den Winterschlaf angesichts eines stetig wachsenden Schuldenberges etwas ruhiger zu gestalten. Im heimischen (für immer und ewig) Ruhrstadion gegen den TSV 1859+1, ach sche*ß auf Förmlichkeiten, gegen die Giesinger Bauern, konnte die oft kritisierte und abgeschriebene Mannschaft Bochumer Vereinsgeschichte schreiben und dafür Sorge tragen, dass der VfL zum ersten Mal nach zehn Jahren endlich mal wieder im DFB-Pokal überwintert. Nach diversen Pokalpleiten gegen Fußballgrößen wie zum Beispiel Kickers Offenbach, FC Bayern München, Scheiße 04 und sonstigen Vorortvereinen standen die Chancen gegen den Ligakonkurrenten aus der Stadt des deutschen Rekordmeisters schon lange nicht mehr so gut, den Traum vom Pokalfinale am Leben zu halten. JA, schon alleine die Teilnahme an diesem Finale ist für jeden VfL-Fan Anlass für feuchte Träume. Gewinnen muss man dieses scheppernde Blechding im Grunde gar nicht um erfolgreich zu sein, wenn bereits die beiden bisherigen Finalteilnahmen 1968 und 1988 zu den größten Erfolgen in unserer Vereinsgeschichte gehören. Aber schön wäre es dennoch oder wie sagte ein nicht ganz unbekannter Bochumer Aufsichtsratsmitglied, Kabarettist und Autor: „Es ist wahrscheinlicher, dass wir in den nächsten zehn Jahren zweimal absteigen, als dass wir einen Pokal in den Himmel recken. Aber auf „wahrscheinlich“ ist geschissen!“ Aber nun zurück zur Löwenjagd.

Denn auf „wahrscheinlich“ ist in der Tat geschissen. Diese Mannschaft erfüllte endlich einmal die Erwartungen, hielt dem Druck stand und versöhnte eine Stadt und eine Kurve mit ihrem Verein. Von Beginn an trat der VfL auf, wie man ihn Bochum sehen will. So wie man ihm auch Niederlagen verzeiht. Doch dazu sollte es an diesem Abend gar nicht kommen. Dafür war der VfL viel zu engagiert bei der Sache und man merkte allen elf Spielern an, dass sie dieses für den Verein so wichtige Spiel unbedingt gewinnen wollten. Christoph Dabrowski ackerte im Mittelfeld wie ein Löwe, Marc Rzatkowski grätschte den Miezekätzchen die Bälle vom Fuß und vergaß dabei nicht, das Bochumer Angriffsspiel mit durchdachten Pässen zu beleben, während Magic Fußballgott Marcel Maltritz die Abwehr gut organisierte und eine Ruhe ausstrahlte, die man in der VfL-Defensive lange vermisst hatte. Dazu kam ein Ruhepol namens Michael Esser, der die nötige Souveränität verkörperte, um seine Vorderleute nicht auseinander brechen zu lassen und stets zur Stelle war, wenn der VfL seinen Mann zwischen den Pfosten benötigte.

Obgleich überlegen, brauchte es den Platzverweis für selten dämliche Giesinger Bauern, damit der VfL aus dieser Überlegenheit Kapital schlagen konnte und völlig verdient durch Slatko Dedic in der 30. Minute in Führung ging. Wobei diese Theorie eher Teil der Legendenbildung ist. Denn in Wahrheit bedurfte es eines Toiletten- und Bierholenganges des Autors dieser Zeilen, damit der VfL endlich in Führung ging. Während Dedic also sein Glück auf dem Rasen fand, zelebrierte ich das 1:0 mit ca. 25 Leidensgenossen in einer stinkenden WC-Anlage des (für immer und ewig) Ruhrstadions. Und nur wenige können sich vermutlich ausmalen, was für Glücksmomente man auf’m Klo einer mitteldeutschen Großstadt erfahren kann. Und dem WC-Erlebnis sollte an diesem Abend eine besondere Bedeutung zukommen. Denn als sich 1859+1 trotz Unterzahl Chancen erarbeitete, verschwanden ein nicht namentlich zu nennender Genosse mit einem ebenfalls nicht namentlich zu nennenden Kölner (damit dürfte alles klar sein) unter dem Vorwand Bier holen zu wollen ebenfalls im blue-white room des (für immer und ewig) Ruhrstadions. Und siehe da: der Fußballgott reagierte prompt und lies seinen Vertreter auf dem grünen Rasen namens Maltritz zum beruhigenden 2:0 treffen. Das erste Tor, welches ich an diesem Abend sehen sollte. Und damit alle Pinkler auf ihre Kosten kommen und auch mal gemeinsam Feiern können, schlug der Fußballgott nach Vorarbeit von Fußballwunderkind Leon Goretzka in der 78. Minute noch einmal zu und erhöhte auf das verdiente und beruhigende 3:0. In anderen Vereinen spielt es eine Rolle, wann ein Coach wie Wunderheiler Karten Neitzel wie wechselt. In Bochum gelten andere Gesetze. Da ist entscheidend, welche Fans wann pinkeln gehen.

Was danach folgte hat das (für immer und ewig) Ruhrstadion schon lange nicht mehr gesehen und gehört. Denn einig und laut wurde der VfL gefeiert. Was das bewirken kann, haben hoffentlich auch jene gemerkt, die zuletzt lieber 90 Minuten schweigen wollten. Und Bochum hat gemerkt, welches Potential in diesem Verein steckt, wenn die Stadt mal wieder hinter ihrer Mannschaft steckt. So nimmt man dann auch mal Umwege über Stuttgart in Kauf, um nach Berlin zu fahren. Notfalls auch trampend und durch Spätzle gestärkt. Und dann heißt es wirklich vielleicht bald wieder: „Erste Runde Bukarest, zweite Runde Rom, in Kopenhagen schellt das Telefon, vielleicht nach Rotterdam …“

Advertisements

Responses

  1. […] VfL Bochum: Berlin, Berlin, wir trampen nach Berlin! (Andreas Wiemers: Lagerstätte) – […]


Kategorien