Verfasst von: Andreas Wiemers | 10. Februar 2013

Passionszeit

Was dem Christen die Fastenzeit ist dem deutschen Fußballfan die Winterpause. Auch wenn der vermeintliche Messias vor seinem öffentlichen Wirken nur 40 Tage gefastet haben soll, dauerte die Zeit des Verzichts im Jahr 2012/13 für den Anhänger des VfL Bochum 1848, der im Regelfall nur Heimspiele der geliebten Herren in kurzen Hosen bei winterlichen Temperaturen besucht, ganze 53 (in Worten: DREIUNDFÜNFZIG) Tage an, bis zumindest diese Leidenszeit dann auch endlich einmal vorbei war – wobei man sich insbesondere als VfL-Fan angesichts der sportliche Talfahrt und der finanziellen Schieflage schon die Frage stellt, wie viel eigentlich noch gebüßt werden muss und wieso überhaupt… Und auch wenn in der Passionszeit das Glück abseits des Rasens genossen werden konnte, fehlte doch gerade dem echten VfLer der Hornby’sche Grundsatz „sich zu amüsieren, in dem man leidet“. Denn selbst wenn das Leiden für den Autor des Fußballromans schlechthin einer neuer Gedanke war, ist es für jeden Blau-Weißen ein eingeübtes Ritual, das in jedem Spiel eine neue Definition erfährt: sei es durch die Leistung der stets hofierten und so genannten Halbgötter, durch eisige Temperaturen und/oder bestenfalls durch eine Kombination beider Faktoren.

Doch trotz Minustemperaturen hatte zumindest der Wettergott viel Sonnenschein für die frierende Ostkurve mitgebracht. Das war aber auch das einzige, woran man sich als VfL-Fan bei diesem Spiel erwärmen konnte. Denn der Fußballgott hatte an diesem Tag einen großen Bogen um das für immer und ewig Ruhrstadion gemacht. Und das galt nicht nur für die Blau-Weißen im mit vermeintlich 10.685 Zuschauern trotzdem spärlich besetzten Ruhrstadion. Denn auch der „Gegner“ aus Regensburg – mal wieder eine Mannschaft aus der Riege Teams, bei denen man keinen einzigen Spieler kennt – präsentierte Fußball zum Abgewöhnen. Not und Elend schoben sich gegenseitig die Bälle in die Füße. Selten hat der Autor dieser Zeilen ein derart schlechtes Spiel gesehen. Zwei lupenreine Abstiegskandidaten versuchten mit vollen Windeln über den Platz zu stolzieren. So dürfte Andreas Luthe jener VfL-Spieler mit den meisten Ballkontakten gewesen sein. Doch an den entscheidenden Szenen war Luthe in der ersten Halbzeit dann doch nicht beteiligt: weder am ersten VfL-Torschuss nach 26 Minuten in einem Heimspiel (!), noch als Neuzugang Michael Lumb wenige Minuten später den Ball so eben von der Torlinie kratzte. Aber wie soll eine Mannschaft auch ins Spiel finden, wenn ihr Spiel ohne Ball selbst der Kreisklasse nicht würdig ist. Der geneigte blau-weiße Gutverdiener bewegt sich nämlich erst, wenn der Ball auch sicher auf dem Weg zu ihm ist und kommt dadurch natürlich immer zu spät. Wie zum Beispiel Twitterstürmer Kevin Scheidhauer, der in der ersten Halbzeit vermutlich keinen Zweikampf ohne Foulspiel bestritt. Zu spät kam dann auch offensichtlich Christoph Dabrowski, der für dieses eher harmlose Einsteigen zur Überraschung aller in der 33. Minute mit glattem Rot vom Platz flog. Dies animierte Stehplatznachbar Martin zum Satz des Spiels: „Immerhin haben wir nur noch zehn Leute, die Fehler machen können. Jahn noch deren 11“.

Doch auch diese Lehrmeinung sollte der VfL an diesem Nachmittag noch widerlegen. Denn kurz nach dem Windelnwechsel in der Halbzeitpause ging der Tabellenletzte aus Regensburg durchaus verdient in Führung. Wer nun glaubte, dies könne vielleicht ein Weckruf sein, musste sich erneut eines besseres Belehren lassen. Der VfL stellte sich ein neues Armutszeugnis aus und präsentierte sich als das, was er offenbar ist: ein Abstiegskandidat. Allenfalls bei Standardsituationen konnten die elf Versager etwas generieren, was mit viel positiven Wohlwollen noch als Torgefährlichkeit bezeichnet werden kann. Ansonsten liefen gingen die Tippkicker ohne Bindung zueinander über den heiligen Rasen, für den sie sich einmal mehr als unwürdig erwiesen. Eigenantrieb und Selbstmotivation suchte man in den 90 Minuten beim VfL vergeblich und selbst der sich dem grottenschlechten Kick absolut anpassende Schiri Tobias Christ aus den Reihen des Frankfurter Syndikates – ein sehr passender Nachname zum Ende zum Beginn der Passionszeit – konnte mit seinen zahlreichen Fehlentscheidungen gegen den VfL keine Trotzreaktion bei dieser mausetoten Mannschaft hervorrufen. Und wer sich selbst so unterirdisch schlecht präsentiert, darf sich eigentlich auch nicht über einen so genannten Unparteiischen beklagen. So kam es wie kommen konnte: Jahn erhöhte auf den 0:2-Endstand und mit vielen Leidensgenossen verlies ich noch vor dem Abpfiff deprimiert, enttäuscht und wütend jenes Stadion an der Castroper Straße, in dem früher Fußball auf dem Rasen gelebt wurde und jeder Zentimeter für den Verein und den gemeinsamen Erfolg umgepflügt wurde. Aber das war einmal und so fangen viele Märchen an…

Im real existierenden Zweitligaalltag ist der VfL ein Verein, um den man sich ernsthaft Sorgen machen muss. Keimte im Dezember des letzten Jahres noch Hoffnung auf und der Glaube wuchs, diese Mannschaft könne doch noch was bewegen, sieht man sich nun in die brutale Realität namens Abstiegskampf zurückversetzt. Dass sich die Mannschaft hierfür ausgerechnet den Tag der offiziellen Verabschiedung des kürzlich verstorbenen Ex-Vereinspatriachen Werner Altegoer aus dem Rund Rechteck des Ruhrstadions aussuchte, ist mehr als nur eine Ironie des Schicksals. Mit Blick auf die kommenden Spiele gegen den haushohen Favoriten namens Giesinger Bauern und dem folgenden Heimspiel gegen den direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt aus Meiderich kann man nur hoffen, dass die anderen Tabellenkellerkinder nicht weiter munter punkten. Denn gerade der heutige desaströse Auftritt nährt die These, dass diese Mannschaft Individualisten aus eigener Kraft den Klassenhalt nicht schaffen können, sondern darauf angewiesen sind, dass mindestens drei Mannschaft noch dämlicher und schlechter sind als sie selbst. Ansonsten hilft nur noch, was man halt in der Passionszeit ohnehin macht: büßen und beten. Nee, was ham wa uns amüsiert…

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