Verfasst von: Andreas Wiemers | 6. März 2017

#mein VfL: use your illusion

Es sind nicht etwa die kleinen, aber relevanten Fragen, die derzeit rund um den VfL Bochum 1848 gestellt werden. Etwa die Suche nach dem Grund, warum die Nummer 1 zwischen den Pfosten offenbar der fußballerisch am besten Ausgebildete unter den Blau-Weißen auf dem Platz ist, oder warum sich die Mannschaft kontinuierlich taktisch zurück entwickelt, warum keinerlei Spielphilosophie mehr zu erkennen ist oder warum angesichts der Verletzungsserie in der Winterpause keine ergänzende Transfers getätigt wurden. Stattdessen wird direkt am großen Rad gedreht und hinterfragt, ob Vereinsumfeld, Stadt und Fans überhaupt gewillt sind, wieder erstklassigen Fußball und namenhafte Vereine wie Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig im Ruhrstadion zu begrüßen oder in der zweiten Liga gemeinsam mit zahlreichen so genannten Traditionsvereinen zu versauern. Mit dieser Diskussion zur Unzeit wird der anstehenden Debatte um eine mögliche Ausgliederung der Profiabteilung, zu der der Verein gemäß Satzung theoretisch auch ohne Zustimmung der Mitgliedschaft berechtigt ist, der Weg bereitet.

Zum einen wird aktuell moniert, die Fans des VfL Bochum 1848 hätten eine zu hohe Erwartungshaltung und würden bei der Abstimmung mit den Füßen bzw. mit dem Stadionbesuch Mannschaft und Verein in dieser Konsolidierungsphase die Solidarität verweigern. Während also so mancher Bürgerrechtler, der einen Traum hatte, für eben diesen gelobt wird, wird es dem VfL-Fan zum Verhängnis, wenn der Traum von der ersten Liga nicht erlischt, obgleich sich die bittere Erkenntnis im VfL-Herzen breit macht, sportlich schon lange von der ersten Liga distanziert zu sein. Gleichwohl sind es nicht die VfL-Fans, die immer wieder das Thema erste Liga offensiv ansprechen. Es sind in bestimmter Regelmäßigkeit VfL-Funktionäre wie Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Peter Villis, die in bedeutungsschwangeren Interviews die Erstklassigkeit in den VfL-Diskurs bringen. Das Recht von Erstklassigkeit als Bochumer Ziel zu reden und damit eine gewisse Erwartung zu wecken, haben also die Offiziellen für sich gepachtet. Aber wehe es springt ein Fan darauf an, dann wird ein blau-weißer Traum schnell zu einer zu hohen Erwartungshaltung, die einem bei völlig berechtigten Pfiffen zur Halbzeitpaue genüsslich aufs Bütterken geschmiert wird.

Aber mit der Mär von der Erwartungshaltung greift ein Rädchen ins andere. Denn zweifellos wird der Ruhrstadion-Besuch mit der Erwartung – oder besser Sehnsucht – verbunden, für den persönlichen Einsatz von Zeit, Geld und Nerven auch mit Heimsieg und kampfeslustigen Fußball belohnt zu werden. Doch auch wenn das Dargebotene in dieser Serie zu Hause erst einmal in einer Niederlage mündete und zumindest der Einsatzwille nicht abgesprochen werden kann, hat das zur Schau gestellte nur noch wenig mit Fußball zu tun. Taktisch und spielerisch bewegt es sich allzu oft auf einem Niveau, das nicht sonntags um 13:30 Uhr angesiedelt ist, sondern eher sonntags um 11:00 Uhr auf diversen Bochumer Stadtteilsportplätzen mit roter Erde erwartet wird. Wenn sich also der Besuch des Ruhrstadions eher zu einem fußballerischen Müßiggang fortentwickelt, bleibt der über den harten Kern von 12.000 Leidensfähigen hinausgehende Fan fort. Denn bekanntlich regelt das Angebot die Nachfrage. Anstatt also über vermeintlich ungenügende Zuschauerresonanz zu jammern, sollte #meinVfL vielmehr darüber nachdenken, wie er das Angebot optimieren kann.

Und wenn es um das Angebot geht, sind wir schnell beim lieben Geld. So lassen es zumindest immer wieder Funktionäre und Beschäftigte des Vereins durchblicken. Fast schon mitleidserregend und getreu dem Motto „Hier, wo das Geld nun zählt, und nicht das große Herz“ wird verkündet, der VfL sei bei der Akquise weiterer Finanzquellen an seine Grenzen gestoßen, verliere immer weiter den finanziellen Kontakt zu ersten Liga und brauche dringend neue Möglichkeiten, Gelder für erfolgreichen Profifußball zu akquirieren. Das goldene Kalb, um das Funktionäre und Beschäftigte tanzen, heißt Ausgliederung. Während einerseits ohne Plan und ohne Ziel Mitglieder für den Verein geworben werden, damit auch ja Herbert Grönemeyer noch mal im Ruhrstadion vor einem Heimspiel seine Hymne für Stadt und Verein singt, wird andererseits an einem Plan gearbeitet, eben diese Mitgliedschaft zu entmachten und ihnen eine ausgegliederte Profiabteilung vor die Vereinstür zu setzen.

Anstatt den Weg eines gallischen Dorfes zwischen den feindlichen Lagern zu suchen, das erbitterten Widerstand leistet und mit erfrischender Nähe und aktiver Mitgliedschaft Identifikation schafft sowie mit gelebter Tradition und verantwortungsbewusster Regionalität die größer werdende Lücke im Ruhrgebiet füllt und diese Illusion gewinnbringend zu nutzen, soll der VfL Bochum zu einer Ramschbude beim Versuch verkommen, weitere Gelder zu akquirieren. Dies mag vielleicht kurzfristig mit finanziellem Erfolg gekrönt sein, langfristig führen solche Entscheidung jedoch dazu, dass der VfL Bochum 1848 seine Identität und seinen Markenkern verliert. Dies dürfte sich dann auch mittelfristig bei der Sponsorensuche auf dem regionalen Markt bemerkbar machen. Und es waren insbesondere diese regionalen Sponsoren und Geldgeber, die dem VfL sein Überleben stets gesichert haben, wenn es mal wieder Spitz auf Knopf stand. In diesen Zeiten haben externe Sponsoren einen großen Bogen um der Stadt ihren Verein gemacht. Diese Verantwortungsgemeinschaft für Stadt und Verein würde der VfL mit einer Ausgliederung aufkündigen und ein verheerendes Signal an heimische Sponsoren senden, die trotz jahrzehntelanger und verlässlicher Verantwortungsübernahme für ein Paar Mark mehr aus dem Verein gedrängt werden. Denn ein Verein, der sich auf dem Markt der finanziellen Beliebigkeit selbst entwurzelt, ist nicht nur seiner Identität beraubt, er ist zwischen Dosenmüll, Automobilclus, Pharmakonzernen und Softwareunternehmen nur ein Verein unter vielen Erfolglosen, die auf der Suche nach dem großen Geld, und dem damit nicht zwangsläufig einkehrenden Erfolg, ihr Wesensmerkmal verloren haben.

Es ist bedauerlich, dass die Vereinsführung ihre Ressourcen derzeit für den falschen Weg verschwendet und sportliche Fragen, um das Angebot zu optimieren, offenkundig außen vor lässt. Denn Geld allein schießt keine Tor und ein Blick auf die zahlreichen Mannschaften, die derzeit in der Tabelle vor dem VfL Bochum stehen, lässt erahnen, dass ein geringerer Etat eben auch zu sportlichem Erfolg führen kann. Hierzu gehören z.B. eine angewendete moderne Spielphilosophie, ein funktionierendes Scouting, Trainer und Spieler, die Bock auf diesen Verein haben ebenso wie ein Trainings- und Leistungszentrum, das die Spieler in ihrer Entwicklung fördert wie auch ein Sportvorstand, der #meinVfL nicht nur als Zwischenstation auf dem Weg zum Schotter versteht. Aber in all dem ist #meinVfL bestens aufgestellt…nicht wahr!? Und so schwebt nicht die Frage durch Bochum, wie wir sportlich, sondern wie wir finanziell wieder den Kontakt zur ersten Liga herstellen. Auch wenn dies oberflächlich wie die Frage erscheint, ob nun zuerst das Ei oder zuerst die Henne da war, lässt sie sich aus Fansicht schnell und eindeutig beantworten. Denn es geht dabei um den grundlegenden Charakter dieses Vereins. Und an der Klärung dieser Grundsatzentscheidung sind nicht nur, wie bislang geplant, die Vereinsmitglieder zu beteiligen, sondern auch in öffentlichen Diskussionen die Fans, die diesem Verein und insbesondere der Fußballgemeinschaft Leben einhauchen.

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