Verfasst von: Andreas Wiemers | 5. Mai 2017

#meinVEREINfL: Excuse me, I am not convinced…

Nicht nur ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, auch die professionelle Präsentation von VfL-Finanzvorstand Wilken Engelbracht über eine mögliche Ausgliederung beim VfL Bochum 1848 reichte fast an die Länge eines Fußballspiels heran. Knapp 90 Minuten, in denen ausführlich dargelegt wurde, warum es sportlich und finanziell vermeintlich sinnvoll erscheint, die Lizenzspielerabteilung und weitere Teile des Vereins in eine Kapitelgesellschaft zu überführen und Anteile an einen Investor zu veräußern.

An den ökonomischen Sachverstand appellierend solle die Mitgliederversammlung den Weg frei machen, um Teile des Vereins zu verkaufen, damit sowohl die sportliche Wettbewerbsfähigkeit des VfL gewahrt werde als auch eine finanzielle Absicherung u.a. durch Rücklagen im Abstiegsfall möglich sei. So konkret wie nötig und so unkonkret wie angesichts des aktuellen Planungsstandes möglich lautet dabei „Vertrauen“ – auch nach den Worten von Finanzvorstand und Aufsichtsratsvorsitzenden – die Handlungsmaxime für die Mitgliedschaft. Denn während andernorts über konkrete Beträge und Anteile sowie Investor abgestimmt werden soll, erwartet die Bochumer Vereinsführung bei der Entscheidung im Herbst 2017 quasi einen Freibrief für einen ebenso unbekannten Betrag wie auch eine nicht bezifferte Höhe der zu veräußernden Anteile an einen (oder mehreren) bis lang namenlosen Investor. Dieser eingeforderte Vertrauensvorschuss erstreckt sich dann auch auf die durchaus abwanderungswillige sportliche Verantwortlichkeit, die den neuen Schotter in die sportlich gewinnbringenden Spieler, ihre Gehälter (und die ihrer Berater) sowie in Ablösesummen investiert, damit die zusätzlichen finanziellen Mittel aus der Ausgliederung nicht nur auf den Gehaltschecks und Überweisungsträgern einen Mehrwert erzielen. Ob nach Verbrauch der Investorfinanzspritze dann weitere Anteile veräußert werden müssen/sollen, ist in diesem Zusammenhang ebenso unbekannt wie die etwaige Notwendigkeit im Aufstiegsfall aus eingangs genannten Gründen den Verkauf zusätzlicher Anteile in Erwägung zu ziehen. Zumindest die Kompassnadel zeigt den Weg in den Teufelskreislauf. Ebenso wurde versucht, mögliche Bedenken bezüglich der Einflussnahme eines Investors auf Entscheidungen des Vereins zu zerstreuen. Dieser Namenlose könne zwar keinen unmittelbaren Einfluss auf die Entscheidungen des Vereins nehmen, gleichwohl stünde es dem gewählten Präsidium frei, Mister X an der Mitgliedschaft vorbei in eben jenes Präsidium zu berufen. Und in diesem Präsidium könne Mister X dann formal zwar nichts gegen die von der Mitgliedschaft gewählten Präsidiumsmitglieder entscheiden, ideell müssten aber die gewählten Präsidiumsmitglieder vermutlich noch gebacken werden, die sich gegen den Willen einer Person stellen, die um die 20 Millionen Euro in den Verein gesteckt hat.

Angesichts zahlreicher Unbekannten (und weiteren Bedenken) beschreibt der Vergleich „Wette mit ungewissem Ausgang“ den aktuellen Planungsstand rund um die Ausgliederung sehr zutreffend und lässt zumindest mich derzeit frei nach Joschka Fischer festhalten: Excuse me, I am not convinced. Dies gilt umso mehr, wenn im Bochumer Herbst 2017 einzig und allein die Ausgliederung zur Abstimmung gestellt werden sollte. Wenn der Verein seine Fans schon zu Sympathisanten einer Firma machen will und aus eigenem Antrieb heraus den vermeintlichen Gesetzen des modernen Fußballs folgen soll, dann muss gleichzeitig und vor allem gleichrangig zur kapitalorientierten Ausgliederung ein für künftige Geschäftsführungs-GmbH und Präsidium verbindlicher Prozess in Gang gesetzt werden, das Wesen des VfL Bochum 1848 trotz aller Gewinnorientierung mindestens zu erhalten, eigentlich sogar auszubauen. Entsprechend sollte die Vereinsführung gemeinsam mit Fans und Mitgliedern zusätzlich einen konzeptionellen Antrag für den Herbst erarbeiten – quasi einen „Ausgliederung-Doppelbeschluss“ -, den VfL zum mitglieder- und fanfreundlichsten Verein Deutschlands fortzuentwickeln, und so selbst einen Gegenpol sowohl zur fortschreitenden Kommerzialisierung innerhalb des VfL Bochum 1848 als auch im Profifußball selbst zu bilden. Das Leitbild, Ansätze aus der Fanszene in den zurückliegenden Jahren und bereits entwickelte Ideen engagierter Fangruppen können hierfür die Grundlage bilden. Denn wenn sich der VfL schon unbedingt am finanziellen Wettrüsten beteiligen will, sollte er auch seine Bodentruppen hegen und pflegen. Dies würde zwar weder die Variablen mit Zahlen und Namen füllen noch die potentielle Einflussnahme eines Investors ausschließen, wäre jedoch eine Maßnahme, dass von der Vereinsführung eingeforderte Vertrauen zu stärken und könnte so durchaus als ein Gegenmittel für die intensiven Bauchschmerzen bei der Entscheidung betrachtet werden; was nicht ausschließt, dass der Verein bis zur Entscheidung weitere Antidote liefern sollte.

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